Nachdem Christian Füller sein Buch so eifrig in seinem eigenen Spiegel-Artikel beworben hatte, war ich gespannt, wie er die "gute Schule" definiert.
Seine Antwort nach einem Nachmittag Lektüre, die man für das kurze, nett zu lesende Werk braucht, ist dürftig. Füllers "10-Punkte-Liste zum Erkennen einer guten Schule" entpuppt sich als eine Sammlung von fünf Kriterien und fünf Anregungen an Eltern, wie sie ihre Schule besser machen können. Seine Definition "Gute Schule ist eine Schule vor Ort, die phantastische Kinder zur Entfaltung ihrer nahezu unbegrenzten Möglichkeiten anregt" (S. 177), wirkt naiv und hilft nicht weiter. Man vergleiche dagegen die im Internet verfügbaren zahlreichen und detaillierten Kriterien des Schulverbands "Blick über den Zaun". Etwas konkreter, aber auch nicht überraschend, stellt Füller fest, jede gute Schule habe einen exzellenten Schulleiter. Leider wird diese Forderung für alle 40.000 deutschen Schulen nicht so schnell umzusetzen sein.
Interessant ist Füllers These, gute Schule wachse nur von unten und Bildungspolitik schade ihr eher. Erfreulich fand ich, dass er nicht wie viele andere eine Kopie des finnischen Schulsystems verlangt, ja sich sogar über die "skandinavischen Wunderschulen" (S. 256) amüsiert. Leider streift er nur am Rande das heutige Grundproblem, dass den Schulen immer mehr Erziehungsaufgaben übertragen werden. Auch warum er die individuelle Förderung als "Gespenst" abtut, leuchtete mir nicht ein.
Füller beschreibt fünf sehr unterschiedliche Schulen: Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund, Haupt- und Realschule Heinrich-von-Kleist-Schule in Wiesbaden, private Grundschule Waldhofschule in Templin, Max-Brauer-Gesamtschule in Hamburg und Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marburg. Fragwürdig ist sein Ansatz, dass er bis auf diese fünf "und ein paar andere" (S. 206) alle deutschen Schulen ohne nähere Begründung als "Industrieschulen" abtut, die angeblich systematisch ein Fünftel Risikoschüler produzieren. Vor diesem ideologisch einseitigen Hintergrund überrascht dann nicht mehr, dass Füller zwar grundsätzlich mehr Elternengagement fordert, ja es für ein entscheidendes Kriterium für gute Schulen hält, aber diejenigen Eltern, die sich für aus seiner Sicht "falsche" Reformen einsetzen, mit ätzender Rhetorik als Klassenkämpfer abbürstet.
Bei der "Auflistung der 100 besten Schulen Deutschlands" macht es sich Füller wieder leicht, indem er - zum Teil nicht ganz korrekt - die Preisträger des Deutschen Schulpreises 2006 bis 2008 und sämtliche Mitglieder des Schulverbands "Blick über den Zaun" aufführt.
Einen weiteren Punktabzug hat das Werk wegen des Preises für ein broschiertes Taschenbuch mit 262 großzügig bedruckten Seiten (plus Anhang) verdient.