Selbst wenn Storytelling inzwischen auch in Lehrerzimmern und Museen ein Thema geworden ist, sind die pädagogische Modelle eines überholten Bildungsbürgertums noch immer so populär, dass Kunstgeschichte den Ruf eines langweiligen Faches hat. Weil dies offenbar auch die Texanerin Elizabeth Lunday störte, sammelte sie alle möglichen und unmöglichen Geschichten über bedeutende Künstler und große Werke. Dann wählte sie aus, suchte einen Verlag, fand in Mario Zucca einen originellen Buchillustrator und verfasste mit "Secret Lives of Great Artists" einen Bestseller. Was und wie die Journalistin Elizabeth Lunday über bildende Kunst schreibt, mag zwar viele ärgern, entspricht aber offensichtlich einem Bedürfnis. Klar lässt sich monieren, dass Skandalträchtiges allzu sehr im Vordergrund steht. Aber so schlimm, wie Untertitel und Vorwort versprechen, geht es auf den folgenden 300 Seiten nicht zu. Was die Autorin bei ihren Recherchen zutage förderte, würde ich eher in die Rubrik "Klatsch und Tratsch" einreihen. Das heißt allerdings nicht, Elizabeth Lunday verzichte auf seriöse Informationen und verstehe nichts von Kunst. Im Gegenteil, ihr Buch empfehle ich nicht zuletzt deshalb, weil es Wissenswertes und Wissenschaftliches elegant miteinander verwebt. Der Leser erhält also keine Kunst-Gala im Buchformat, sondern 35 ausführliche Porträts von Künstlern, neue Einblicke in Epochen, verständliche Darstellungen von Kunststilen und spannende Bildbeschreibungen.
Mit dem Stichwort "Bildbeschreibung" bin ich auch gleich am einzigen Schwachpunkt dieses vermeintlich skandalösen Buches angelangt. Denn weil die beschriebenen Bilder im Buch nicht abgedruckt sind, wird sich die Qualität dieses einzigartigen Führers nur Kunstfreunden mit fotographischem Gedächtnis erschließen. Der Spaß und Erkenntnisgewinn sind nur halb so groß, wenn man die Details, von denen die Rede ist, nicht vor Augen hat. Das ist der Autorin ebenfalls klar, gibt es doch auf der Website secretlivesofgreatartists.com die Rubrik "View the art described in the book", unter der die besprochenen Bilder in hervorragender Qualität abgebildet sind. Aber leider führen einige Links ins Leere. Die Ersatzlösung googeln kann ich nicht empfehlen, da Abbildungen in Briefmarkengrösse ebenso übel sind wie Drucke in billigen Kunstführern. Am besten, man nimmt das Buch gleich ins Museum mit, in dem die Bilder im Original hängen.
Da mit weiteren Auflagen zu rechnen ist, wäre es schön, wenn das Buch dann ein Register bekäme. Zumal es ohnehin nicht einfach ist, sich eine persönliche Kunstreise zusammenzustellen. Was auf den ersten Blick wie nach einer grafisch geglückten Ordnung aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung eher als gestalterisches Happening. Die zahlreichen Unterkapitel, verschiedenen Schriftfonts und -größen und ein merkwürdiger Satzspiegel erleichtern das Zurechtfinden ebenfalls nicht. Ob wirklich so viel Pfeffer im Hinter sein muss, wie der Klappentexter meint, möge jede Leser selber entscheiden.
Mein Fazit: Kann man sich damit abfinden, dass die besprochenen Kunstwerke nicht im Buch abgebildet sind, aber für den vollen Genuss vorliegen sollten, wird diese spezielle Kunstgeschichte zum kleinen Ereignis. Von Skandalen ist zwar ebenfalls die Rede, doch die Werke der porträtierten Künstler beeinflussen auch Ereignisse, die wenig spektakulär sind. Schön gestaltet, unterhaltsam geschrieben und ziemlich unordentlich.