Arthur Schnitzler gehört wie Joseph Roth zu den wenigen Autoren, die die Zeit der K. und K. Monarchie in ihren Werken lebensecht einzufangen und zu spiegeln vermögen. Sein Werk hat einen doppelten Zeitbezug: einerseits fühlt man sich durch den Kolorit in die Epoche der gepolsterten Pferdekutschen und Duelle im Morgengrauen zurück versetzt, andererseits erscheinen die Figuren so nah, so modern in ihren Affekten und Bedrängnissen, dass wir sie als Zeitgenossen wahrnehmen. Die Sexualität als Kulturgut und immanente Gefahr für den Seelenfrieden der Handelnden ist der verborgene Motor jedes Erzählstrangs, doch mit welcher Subtilität und Menschenkenntnis ausgeführt und wie echt in den unterschiedlichen Perspektiven, ob junges Mädchen, alter Offizier oder Graf oder Schauspielerin.
Für mich ist jede Novelle von Schnitzler ein Erlebnis, wenngleich sie natürlich unterschiedlichen literarischen und psychologischen Tiefgang aufweisen. Unschlagbar beklemmend: "Fräulein Else", die Novelle um die junge Tochter eines aus der guten Wiener Gesellschaft stammenden Bankrotteurs, die sich wegen Spielschulden ihres Vaters prostituieren soll. Die Gedanken- und Gefühlswelt einer bedrängten und von ihrer Familie allein gelassenen 19Jährigen ist selten so stimmig dargestellt worden - und selten so echt die Unbarmherzigkeit, aber auch schlichte Unaufmerksamkeit einer Gesellschaft, die solche "Opfer" in ihrer Mitte ermöglicht. Lesenswert.