Die Kompetenz des '"Kritikerpapstes" Kesting ist in vielem unter aller Kritik: In seinem vielerorts bejubelten Opus magnum ist kaum ein Zitat eines Arienbeginns korrekt angeführt, Namen werden falsch geschrieben, Fakten verdreht, Daten falsch angegeben, von abstrusen, pontifizierend in einer Art inexistenten Kunstsprache vorgetragenen Meinungen ganz zu schweigen. Das wird auch im Ausland bemerkt:
I have now spent many weeks with Kesting's magnum opus in both its 1986 and its 2008 incarnations. [...] my pleasure has often been qualified by irritation at Kesting's highly artificial style, which has become even more so in the new edition. He will never use a simple German word if one of foreign origin is available, and this leads him occasionally into cases of - as Beckmesser would put it - ''blinde Meinung' (which might be translated, charitably, as 'hazy meaning'). Nothing if not thorough, Kesting has read, and can quote at the drop of a hat, every Anglo-Saxon writer on the human voice from Klein, Hurst and Henderson to Blyth, Steane and Jackson. Indeed, he seems to be so immersed in their writings that the English language keeps continually intruding into the German text. As a non-native German speaker, I hesitate to correct him, but 'familiäre Lieder' doesn't mean 'familiar songs', which is what Kesting presumably wants to say; elsewhere he uses the word 'Teilungen' - 'divisions' in the literal sense - to signify 'variations' or 'embellishments', which it doesn't in German.
Kesting is known in German musical circles as the Stimmenpapst (the 'Pope of singing voices'), but on this showing his infallibility - not to mention that of the book's editors and proof-readers - leaves something to be desired. There are countless mistakes in the numerous quotations from librettos, and many names are somewhat casually spelled (even German ones, like that of the composer Carl Loewe, who becomes Karl Löwe). The famous French coach Janine Reiss appears both under her actual name and as Jeannine. Nicolai Ghiaurov never sang the title role in Verdi's Don Carlos, and there is no character named Jean in Les Huguenots. We are told twice within a few lines that Maggie Teyte was born in Wolverhampton, and that Katia Ricciarelli hails from Rovigo. Conversely, Janet Baker's birthplace is variously given as Hatfield (which is correct) and York (which is not). Most unbelievably, Kesting gives a date for the death of Hugues Cuenod: '16 June 2002', ten days before his 100th birthday; at the time of the book's publication he was alive and well, and he died only in December 2010. Fortunately, the book has generous margins that come in handy both for correcting such howlers and for entering one's own comments on Kesting's opinionated statements. [Rezension von Carlos Maria Solare in Opera, February 2011]
Als wäre das nicht schlimm genug: Die Gelegenheit, all das zu korrigieren, wurde in der überarbeiteten Neuauflage in arroganter Weise verabsäumt. Was bedeutet, daß der Autor die zahllosen Kritiken dieser Mängel nicht kennt oder nicht ernst nimmt, oder, was wahrscheinlicher ist, daß er in seiner Selbstverliebtheit einfach nicht weiß, was er tut. Zitate akustisch und approximativ aus dem Gedächtnis abzurufen, wenn man die betreffende Sprache überhaupt nicht kennt, schlägt sich auf die unterstellte Seriosität nieder.
Was aus der Rezension weiters hervorgeht, ist der Umstand, daß Kesting einseitig anglophil ist und ihm die Rezeption der in Italien entstandenen Kunstform Oper weder bekannt noch bewußt ist. Wie würden sich seine Meinungen ändern, kennte er die Texte von Autoren wie Rodolfo Celletti, Giorgio Gualerzi oder Elvio Giudici, um nur drei wichtige zu nennen!
Wie viele deutschsprachige Kritiker ist Kesting der Universalsprache der Musik, des Italienischen, nicht einmal in ihren Grundzügen mächtig. Man fragt sich, wie ein nicht Italienisch sprechender Kritiker eine in italienischer Sprache dargebotene Gesangsleistung hinsichtlich Ausdruck, Phrasierung usw. überhaupt beurteilen will. (Die Antwort ist schnell gegeben: Er bemerkt Fehler von Sängern, die keine italienischen Muttersprachler sind, gar nicht.) Man traut ihm durchaus zu, daß er in tschechischer, russischer, ja sogar chinesischer Sprache dargebotene Interpretationen mit arrogierter Kompetenz beurteilen würde.
In seiner Unkenntnis des Italienischen hatte er irgendwo das Wort 'morbidezza' im Zusammenhang mit dem Singen aufgeschnappt. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, dieses Substantiv in einem simplen Taschenwörterbuch nachzuschlagen, sondern interpretierte es unverfroren auf seine eigene dilettantische Weise. Er geheimnißte nämlich in den Begriff unbesehen 'Morbidität' hinein und schrieb diese wie zur Bestätigung seiner sensationellen Erkenntnis sogleich dem als Stilmittel eingesetzten Timbre eines berühmten Tenors zu. So weit, so schlecht.
Das italienische Substantiv 'morbidezza' bedeutet aber einzig und allein 'Zartheit, Weichheit', was ein solcher Anwender, wenn er seine überlegene Bildung schon mit einem im Deutschen ungebräuchlichen Fremdwort demonstrieren will, gefälligst zu wissen hat. Seine Aussage ist somit falsch und sinnlos. Selbst kleinere Wörterbücher weisen ausdrücklich darauf hin, daß das italienische Adjektiv 'morbido' und das deutsche 'morbid' sogenannte faux amis sind, was jeder Volkshochschullehrer seinen Schülern schon im ersten Semester vermittelt.
Der Fehler als solcher ist zwar gravierend, jedoch wird sich der kompetente Leser bei der Lektüre sein Teil denken. Viel schlimmer ist die Grundhaltung, mit der von der überheblichen Position des 'Kritikerpapstes' aus der gesunde Hausverstand übergangen und einfachste Fakten verdreht und in Grund und Boden geschrieben werden. Der Leser darf darauf vertrauen, daß die Kompetenz des penetrant pontifizierenden Kritikers in anderen Bereichen nicht größer ist.