Anmerkung:
Hätte ich zunächst diese bisherigen Rezensionen angesehen und nicht dem reinen Zufall der Entdeckung dieses Buches nachgegeben, hätte ich (a) den geschichtlichen Abriss großer Reden und (b) die Psychologie der Überzeugung unterschiedlicher Redner-Typen verpasst. Daraus folgt die notwendige Bemerkung, eigenes Lesen als Maxime der Entscheidung zu machen und den Vergleich unterschiedlicher Meinungen tolerant und wohlwollend zu prüfen.
Die vom Mitrezensenten angemerkten Unstimmigkeiten kann ich nicht überprüfen, nur feststellen, dass diese in der 5. Auflage 2010, die mir vorliegt, nicht enthalten sind. Die weitere Anmerkung, dass diese Reden nicht durchgängig auf einem Niveau sind, stimmt. Allerdings teile ich nicht die Schlussfolgerung. Denn gerade in der Unterschiedlichkeit lässt sich feststellen, welcher Typ der Redner ist, in der Unterschiedlichkeit wird der Leser gefordert, zu prüfen, welche historischen Umstände maßgeblich waren und welche politischen, gesellschaftlichen oder religiösen Absichten und Ziele es zu verfolgen gab. Des weiteren ist die aufgeführte Vielfalt und Unterschiedlichkeit hilfreich, Aufbau, Emotio und Ratio im Vergleich als Maßgabe der Überzeugung der Zuhörer zu erkennen und zu deuten.
Die Reden zur Selbstbestimmung aus der Tradition der Vergangenheit, die Reden zur Verteidigung einer Sache, die Reden zum Aufbau des Mutes im Krieg, die Reden von hoher sozialer Relevanz, die Predigt in Zeiten des Krieges, die Rede für die Natur und wider deren Vernichtung, die Reden für die Rechte des Menschen aus einem Jugendroman bis hin zur Rede von Willy Brandt in Polen sind von hohem inhaltlichen Niveau. Sie bewegen den Zuhörer und sie helfen zu erkennen, was des Redners Vorbereitung sein muss: nämlich zu wissen, wo die Zuhörer stehen, um sie dort abzuholen und mit ihnen die gedankliche Reise zu gehen, die den Mut steigert oder den Geist erneuert oder eben Geschichte schreibt.
Dass von Rezensenten abgeraten wird, diese Reden als Schulstoff zu verwenden, überrascht mich ebenso, ist doch gerade die Rede Mark Antonius eine höchst literarische aus dem Fundus des großen Shakespeares (Julius Caesar), der sicher Schulstoff ist, wie auch die Rede gegen die Lynchjustiz aus Huckleberry Finn. Die politische Bildung ohne Willy Brandt, Churchill oder Lincoln zu betreiben ist schon Frevel, ebenso, wenn man der Rede gegen das Ermächtigungsgesetz 1933 keine Bedeutung geben will. Gerade hier bietet sich fächerübergreifender Unterricht in Form von Projekten an.
Persönlich kann man anmerken, dass weitere Reden in diese Auswahl gehört hätten. Aber die Einschränkung "persönlich" sagt schon, dass es immer eine subjektive Wahl ist. Dass aus meiner Sicht die Rede von Thomas Paine willkommen ist, wie auch die Rede Paulus auf den Areopag in Athen aus der Apostelgeschichte und die Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Weizsäcker am 8.Mai 1985 vor dem Bundestag sei nur angemerkt. Dass die Reden nach 1989 gänzlich fehlen, liegt an der verständlichen heutigen Unkenntnis der zukünftigen historischen Relevanz.
Wie man den jeweiligen Introitus je Rede von Prof. Kaufhold (1963-) betrachtet, ist sicher ebenso der subjektiven Haltung geschuldet. Zu lesen ist, dass eben eine "große Rede" eine Teilhabe an einer historischen Wende, einem historischen Ereignis suggeriert und wie Roosevelt es formulierte, ein "Rendezvous mit dem Schicksal" sich einstellt. Dieser Beweggrund gibt einer individuellen Haltung Vorschub, an der Zukunftsgestaltung teilzuhaben. Jede einzelne Rede wird in den sozial-historischen Kontext gestellt und somit gut vorbereitet. Die Sätze sind nicht von professoral gewollter Unverständlichkeit, sondern kurz, knapp und klar. Was will man mehr. Außer vielleicht weiteres entdecken:
Rede dich zum Erfolg.
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