"Ein Spatenstich in der Wüste kann eine gewaltige Erschütterung auslösen und die Wiege der Kultur um tausende Kilometer oder Jahrtausende verlagern......"
(Felix R. Paturi)
Das im Juli 2007 erschienene Sachbuch "Die großen Rätsel der Vorzeit" ist eine aktuelle Bestandsaufnahme weltweiter, wissenschaftlicher Fakten. Während z. B. astroarchäologische und geologische Befunde unstrittig sind, räumt der Autor ein, dass religiöse Aspekte der Interpretation unterliegen, die ein Verstehen der jeweiligen Religion, oder gar schamanisches Denken voraussetzen. Konsequent präsentiert er jedoch nur jene Deutungen, die frei von jeglichen phantastischen Spekulationen sind.
Zu Beginn des Buches wird der Begriff "Vorzeit" in Bezug auf das Nicht-Vorhandensein einer Schrift definiert. Mit "Prähistorie", wird die Zeit vor der eigentlichen Geschichte, d. h. der Abschnitt der Menschheitsgeschichte bezeichnet, in dem es noch keine Schrift gab (....oder eine doch vorhandene keine Spuren hinterlassen hat). Als "protohistorisch" werden hingegen solche Kulturen bezeichnet, die (offenbar) selbst über keine eigene Schrift verfügten, jedoch in das bereits historisch zu nennende Umfeld von Schriftkulturen eingebettet waren.
Wie ein roter Faden zieht sich die Kontroverse um die wissenschaftliche "Hypothesenbildung" durch alle Kapitel und Abschnitte. So ist die Bildung einer Hypothese ein notwendiges Vehikel jedes Wissenschaftlers, bis sie durch eine neue, plausiblere Theorie ersetzt werden kann. Mit der Diffusions- und der Isolationstheorie (S. 143) gibt es jedoch zwei unversöhnlich- gegensätzliche Erklärungsansätze, die nicht selten für weltanschauliche oder ideologische Zwecke missbraucht wurden. Professor Carlo Maxia ist jedoch ein Beispiel dafür, dass ein Wissenschaftler auch der geistige Vater unterschiedlicher, gleich wahrscheinlicher Theorien sein kann.(S. 203 ff.) So hält er die Errichtung der sardischen Nuraghen im Zusammenhang mit Sonnen- und Mondfinsternissen, als auch als Bestattungsstätten (ähnlich den parsischen Türme des Schweigens) möglich. Der Autor zeigt anhand Jürgen Spanuths bereits 1953 veröffentlichtem Buch "Das enträtselte Atlantis" wie eine Kontroverse um eine These geschürt und anhalten kann. Topaktuell ist das neue Bild von der Induskultur (2000 v. Chr.), das sich innerhalb des letzten Jahrzehnts erheblich gewandelt hat (S. 36 ff.). Wie Felix R. Paturi feststellt, wird es jedoch noch eine geraume Zeit dauern, bis die neuen archäologischen Funde vollständig ausgewertet, und ein gesichertes Wissen in die Lehrbücher gelangt ist.
Das Buch bietet eine Vielfalt von Lokalitäten, Artefakten pp. untergegangener Völker, Reiche des gesamten Erdkreises (z. B. Naher Osten, China, Afrika, Süd- und Mittelamerika), ihrer Symbole, Heroen usw. Die Schwerpunkte wurden jedoch in Europa gesetzt, wobei die "Himmelsscheibe von Nebra" (S. 215 ff.) das aktuellste Thema bildet.
Abschließend sind alle 34 Kapitel in eine übersichtliche, dreiseitige, 11 Jahrtausende umspannende Zeittafel eingeordnet. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis mit einer Vielzahl von Internetadressen (!) bietet dem interessierten Leser Möglichkeiten zum tieferen Einstiegen in neueren Erkenntnisse über die "Vorzeit". Nach einer flüssigen lesbaren Lektüre ermöglicht ein alphabetisches Register auch ein erneutes, gezieltes Nachschlagen.
Sehr empfehlenswert für alle Leser, deren Interessen über das Wissen üblicher Geschichtsbücher hinausgehen. 5 Amazonsterne.