Colum McCann's "Die große Welt" lag schon länger auf meinem Bücherstapel. Nach schlechten Erfahrungen mit einigen hochgelobten amerikanischen Romanen der näheren Vergangenheit ("Union Pacific" oder auch "Heartland"), befürchtete ich eine weitere Enttäuschung ähnlicher Art. Aber weit gefehlt: "Die große Welt" ist ein faszinierender, anrührender Roman über Lebenswege ganz normaler Menschen, die sich in einem besonderen Moment kreuzen.
Es gibt sie, diese besonderen Momente, an die sich eine Generation von Menschen erinnert und ganz genau weiß, was jeder einzelne genau in diesem Moment getan und gedacht hat. Für unsere Generation dürfte der 11. September ein solcher Moment sein. Colum McCann führt uns zu einem früheren magischen Moment, in dem ebenfalls das World Trade Center im Mittelpunkt steht. Ein Artist wandelt auf einem Drahtseil zwischen Nord- und Südturm. Die New Yorker, die dieses Schauspiel erleben, verharren für einen Moment, ihr Leben steht für einige Minuten still.
"Ein Mann hoch oben in der Luft, während ein Flugzeug scheinbar in das Gebäude fliegt. Ein kleiner Fetzen Geschichte trifft auf einen größeren. Als würde der Mann auf dem Seil irgendwie vorwegnehmen, was später geschah. Die Durchdringung von Zeit und Geschichte. Der Punkt, an dem Geschichten miteinander kollidieren."
McCann erzählt vom Lebensweg einiger dieser Menschen, deren Lebenswege sich am Fuß der Türme in diesem Moment kreuzen. Noch am selben Tag kreuzen sich diese Lebenswege erneut, mit tödlichem Ausgang für zwei der Protagonisten. Wie konnte es zu dieser Situation kommen, wie entwickeln sich die Lebenswege der zurückbleibenden Betroffenen nach diesem dramatischen Einschnitt weiter. Der Leser schlüpft in die Haut der Romanfiguren, Prostituierte in der Bronx, ein irisch-stämmiger Glaubensbruder, ein Richter, der seinen Sohn in Vietnam verloren hat, eine gescheiterten Künstlerin und in die Haut des Photographen, der diesen magischen Moment auf Zelluloid festhält. Es entwickelt sich ein Mosaik in Vergangenheit und Zukunft mit sehr aktuellen Anknüpfpunkten an unsere eigene heutige Gegenwart.
Äußerst kurzweilig geschrieben, Momente von Komik und Dramatik, Traurigkeit und Hoffnung verknüpfend, hat Colum McCann ein Meisterwerk geschaffen, welches sicherlich über die kurzfristige Gegenwart hinaus wirken wird.