Die große Reise der Agathe Schweigert - DDR TV-Archiv
Eine höchst interessante filmische Umsetzung einer literarischen Vorlage der großen deutschen Autorin Anna Seghers (1900-1983) bringt das hier veröffentlichende Label "Telepool" in Zusammenarbeit und unter dem Vertrieb von "Icestorm" zur Veröffentlichung auf DVD. Im Jahre 1965 erschien, unter dem Titel "Die Kraft der Schwachen", ein Buch Anna Seghers, mit neun Erzählungen. Eine davon war die über "Agathe Schweigert". Im Auftrag des Fernsehens der DDR nahm sich das DEFA-Studio für Spielfilme, unter der Regie von Joachim Kunert, im Jahr 1972 dieser Geschichte an und verfilmte sie unter dem Titel "Die große Reise der Agathe Schweigert". Das Drehbuch hierfür stammt aus der Feder von Hans Münscheberg, der dieses mit der Akzeptanz von Anna Seghers persönlich, zusammen mit Joachim Kunert, zu Papier brachte.
Der inzwischen vierzig Jahre alte Film hat nichts aber auch rein gar nichts von seiner in sich ruhenden Aussagekraft und tiefen Menschlichkeit verloren. Er ist in seiner in ihm erzählten Geschichte zugleich authentisch wie auch mahnend und transportiert mit den großartigen von Kameramann Wolfgang Pietsch eingefangenen Bildern, die Anna Seghers in deren Werken auszeichnende so besondere in die Tiefe und ins Detail gehende Art ihres Schreibens. Mit wachem Auge gesehen ist er ein lebensbejahender Aufruf zu persönlichem Engagement und Kampf gegen das "Wegschauen" und "Dahinnehmen".
In seiner erzählten Geschichte berichtet der Film über die verwitwete Besitzerin eines Ladens für Kurzwaren in Person von Agathe Schweigert (Helga Göring 1922-2010). Es sind schwere Zeiten, in denen sich Hitler mit seiner menschenverachtenden Politik immer mehr im Lande und in den Köpfen vieler manifestiert. Für Agathe Schweigert aber ist all das kaum von Interesse. Sie lebt seit Jahrzehnten zufrieden und halbwegs glücklich in ihrer eigenen Welt und hat ihr Leben lang kaum etwas anderes gesehen oder wahrgenommen, wie das Leben der Kleinstadt in der sie wohnt.
Ihr ganzer Stolz ist ihr Junge "Ernst" (Holm Henning Freier), für den sie sich das Geld für dessen Studium schwer erspart hat. Nachdem sich dieser an einer Protestaktion gegen die Politik Hitlers beteiligt hat, muss er außer Landes flüchten. Agathe versteht die Welt nicht mehr. Als dann auch noch die Briefe aus Frankreich, ihren einzigen noch bestehenden Kontakt zum Sohn der dort hingeflüchtet ist, mit dem Vermerk "Adressat unbekannt", an die Mutter zurückkommen, beschließt sie zu handeln. Sie macht sich auf den Weg zu ihrem Sohn, in das weit entfernte Paris. Es ist der Anbeginn einer langen und beschwerlichen Reise bis in das vom Bürgerkrieg gebeutelte Spanien, auf deren Weg und weiteren Verlauf in der Geschichte, Agathe immer mehr über politische Ereignisse und die Beweggründe ihres Sohns für dessen Entscheidung und Kampf mit der Waffe in der Hand erfährt und zu verstehen lernt.
Die in dem Film aufgezeigte Geschichte wird von einer großartig aufspielenden Helga Göring getragen. Als Agathe Schweigert brilliert sie hier einmal fernab der sonst von ihr oft verkörperten Rollen wie in "Rentner haben niemals Zeit", "Gartengeschichten" oder auch der Reihe von Bühnenschwänken unter dem Titel "Drei reizende Schwestern".
Mit und an ihrer Seite steht aber auch ein Team zahlreicher in der damaligen DDR sehr bekannter Mimen jener Tage, die allesamt ebenso in den von ihnen verkörperten Rollen zu gefallen wissen. Namen wie die von Günther Naumann, Ingeborg Krabbe, Steffi Spira, Günther Wolf oder Helmut Gauß, sein an dieser Stelle nur stellvertretend aufgeführt.
Drehorte für diesen Film fanden sich neben Rathenow und Perleberg auch im Kaukasus und an der Krim. Unbedingt wollte man in dieser Produktion auch Aufnahmen von Originalschauplätzen der erzählten Geschichte zeigen. Für die stets an Devisen schwächelnde DDR stellten die Kosten für die Aufnahmen in Frankreich und Spanien ein echtes Problem dar. So entschied man sich zu einer Cooperation mit einer "Hamburger Ateliersgesellschaft". Diese finanzierte die Aufnahmen, verlangte aber im Gegenzug hierfür die Verwertungsrechte für das nichtsozialistische Ausland zur Erstattung ihrer Ausgaben.
Weiterhin verlangte man, den über zwei Stunden laufenden Film auf maximal 100 Minuten zu kürzen, da er sich so besser vermarkten ließe.
Selbst in der DDR wurde der Film, als er dann sogar als Unterrichtsmittel an den Schulen zum Einsatz kam, nur noch in dieser geschnittenen und gekürzten Version gezeigt. Diese liegt auch auf und von der hier vorliegenden DVD-Veröffentlichung vor.
Verpackt in einem Klarsicht-Amaray-Case kommt das Bild von der einen DVD dieser Veröffentlichung im zu erwartenden Seitenformat 4:3 und einer laut veröffentlichendem Label angeführten Gesamtlaufzeit von in etwa 102 Minuten, zuzüglich Extras, zur Ansicht. Dem Bild sieht man hier doch recht deutlich die vergangenen vier Jahrzehnte an. Eine größere Bearbeitung oder gar Restauration lässt sich nicht erkennen.
So machen sich recht häufig Verschmutzungen und zum Teil auch mechanische Beschädigungen wie auch Blitzer im Bild bemerkbar. Besonders bei Aufnahmen in der Totalen zeigen sich immer wieder Schwächen in den Schärfeeinstellungen. Hingegen können viele der Nahaufnahmen hier wiederum als recht gut gewertet werden. Der Kontrast kann im Gesamteindruck trotz der sich hin und wieder bemerkbar machenden Doppelkonturen als akzeptabel beurteilt werden. Man darf eben bei aller Kritik nicht das Produktionsdatum und die technischen Gegebenheiten Anfang der Siebziger vergessen. So sind die zu erlebenden Farben hier zwar recht distanziert und als auch nicht immer vollkommen natürlich zu werten aber das eben im akzeptablen Rahmen einer derart betagten Produktion verschmerzbar.
Die DVD-Menüs zeigen sich übersichtlich und passend bereits zuvor veröffentlichter weiterer Titel im Rahmen der Reihe des "DDR TV-Archiv" gestaltet.
Neben der Möglichkeit des unmittelbaren Startens der Wiedergabe über "Film Abspielen", bietet die vorliegende DVD noch einige Extras.
Ein ganz Besonderes stellen hier zweifelsohne einige der Schere zum Opfer gefallene Szenen dar. Nicht ganz zehn Minuten, der insgesamt rund dreißig entfernten, finden sich unter dem Menüpunkt "Eliminierte Szenen". Neben einigen Trailern zu weiteren DVD-Veröffentlichungen finden sich in Textform und als Laufband dargestellt noch Angaben zu Cast und Crew mit unter den Extras bei dieser Veröffentlichung.
Tonbewertung:
Ein in seinen Dialogen zumeist recht gut verständlicher deutscher Ton im Format Dolby Digital 2.0, kommt von der einen DVD bei dieser Veröffentlichung zu Gehör. Er ist insgesamt recht mittig und ohne größere hörbare Höhen und Tiefen in sich. Im Gesamteindruck aber kann er als durchaus akzeptabel und ohne extreme Auffälligkeiten oder Störungen in sich beurteilt werden. Untertitel oder gar weitere Sprachfassungen finden sich hier nicht. Die Musik stammt im Übrigen von Gerhard Wohlgemuth (1920-2001), der auch schon die Filmmusik zu "Die Abenteuer des Werner Holt" (1965) oder auch "Rotkäppchen (1962) beisteuerte.
Gesamteindruck:
Schon in meiner Schulzeit beeindruckte mich das Buch und auch der Film ungemein. Jetzt, so viele Jahre später und Dank dem hier veröffentlichenden Label "Telepool" in Zusammenarbeit und unter dem Vertrieb von "Icestorm" nun endlich auch auf DVD, hat für mich persönlich der Film nichts von seiner Faszination und Einmaligkeit verloren. Highlight neben allen anderen zu erlebenden Darstellern ist hier für mich Helga Göring, die mit ihrer Darstellung der "Agathe Schweigert" wohl eine ihrer beeindruckendsten Leistungen innerhalb ihres umfangreichen Schaffens und Wirkens ablieferte.