Diese Rezension beruht auf der englischen Fassung von 2006.
Das Wort Panorama bedeutet soviel wie Gesamtansicht, und darum geht es dem Autor in diesem Buch. Er beklagt, dass es zwar viele geschichtliche Werke gibt, die den großen Krieg in der Mitte des 20. Jahrhunderts behandeln, die Autoren sich jedoch fast immer auf bestimmte Teilspekte des Themas beschränken oder das ganze Geschehen nur von einem - meist nationalen - Standpunkt aus betrachten, sodass auf diese Weise die komplizierten und sich laufend verändernden Beziehungen zwischen den einzelnen Mächten nicht an die Oberfläche gelangen, oder sogar absichtlich verformt werden.
Ein ganz einfaches Beispiel hierfür ist für den Autor die Behandlung von sog. Kriegsverbrechen, die in den meisten Fällen nur den Achsenmächten zugeschrieben werden dürfen, weil solche Taten - etwa im Nürnberger Prozess - so definiert und dadurch einer kritischen historischen Beurteilung entzogen wurden: die Gegner der Achsenmächte können daher keine Kriegsverbrechen begangen haben. Auf diese Weise werden etwa die Luftangriffe auf deutsche oder japanische Städte, die schon allein von ihrem Umfang und ihrer Zahl her weit über die Zerstörung irgendwelcher taktischer Ziele hinausgingen, in eine eigene Kategorie verschoben; ihr zivilen Opfer werden als "Nebenschäden" (auf neudeutsch "collateral damages") abgetan, auch wenn es sich auf gezielte Bombardierungen von Wohngebieten handelte, die etwa im Juli 1943 in Hamburg 40 000 Menschen den Tod brachten.
Eine solche Sichtweise ist für den Autor (und den Rezensenten) schon deswegen unzulässig, weil sie den psychologischen Effekt auf die Überlebenden - Zivilisten wie Soldaten - außer Acht lässt: was verändert sich in der Denkweise eines Frontkämpfers, wenn er vom Tod seiner Frau und seiner Kinder infolge eines Bombenangriffs auf seine Heimatstadt erfährt?
Der Autor ist ein Spezialist für das Gebiet, das im Englischen als "Central Europe" bezeichnet wird (was man keinesfalls mit "Mitteleuropa" gleichsetzen darf). Er verwendet viel Zeit und Mühe darauf, seinen englischsprachigen Lesern, die den 2. WK primär aus britischen oder amerikanischen Filmen kennen, klarzumachen, dass die großen Entscheidungsschlachten fast ausschließlich an der deutschen Ostfront stattfanden - der deutsche Leser weiß das ohnehin, und insofern ist die häufige Wiederholung der entsprechenden Arguments für ihn etwas ermüdend. Jedoch kann auch letzterer aus der Betrachtungsweise des Vf. sehr wesentliche neue Erkenntnisse schöpfen, denn das Buch ist, wie oben erwähnt, ein Panorama und keine simple chronologische Schilderung der Ereignisse.
Der Ablauf des Krieges an seinen verschiedenen Schauplätzen wird zwar korrekt und verständlich geschildert, jedoch wird der Politik der beteiligten Mächte, den Soldaten aller Seiten, den Zivilisten in der Heimat, wie auch den Hauptakteuren gleichviel Raum gewidmet. Norman Davies befasst sich ebenfalls mit der Historiographie in den verschiedenen Ländern und diskutiert die Entwicklung, welche die Geschichtswissenschaft in der Nachkriegszeit genommen hat und auch die verschiedenen Brüche auf diesem Weg. So weist er darauf hin, dass erst zwanzig Jahre nach dem Kriegsende zwei Ereignisse ins Blickfeld der Historiker rückten, die bis dahin fast völlig im Dunkel geblieben waren: das Thema des Holocausts einerseits, die Verbrechen der Sowjetunion andererseits.
Davies' Arbeit macht dem Leser klar, dass es die Aufgabe eines Historikers ist, frühere Ereignisse und deren Darstellung ständig neu zu bewerten und Verbindungen aufzudecken, die übersehen oder vernachlässigt wurden. Der Verlag bemüht sich zwar, Davies vom Vorwurf des Revisionismus freizusprechen, indem er einleitend sagt (meine Übersetzung): "Weit davon entfernt, revisionistische Geschichte zu sein, ist "No simple Victory" dagegen eine klarsichtige Neubeurteilung, die neue Einsichten verschafft, indem sie wohlbekannte Tatsachen neu bewertet und weniger bekannte hervorhebt" - aber was ist geschichtliche Revision, wenn nicht dies?
Liest man die einleitende Beschreibung durch den Verlag bis zum Ende, so steht dort: "Davies' Neubewertung ist eine starke Ermahnung, dass, solange wir nicht die wirklichen Antworten auf grundsätzliche Tatsachen zum 2. WK festgelegt haben, wir die größeren Zusammenhänge nicht beurteilen können". Historiker aller Richtungen haben also auf diesem Gebiet immer noch viel Arbeit vor sich.
So ist es verständlich, dass das letzte Kapitel des Buches nicht, wie üblich,"Conclusions" (Schlussfolgerungen) heißt, sondern "Inconclusions", ein Wort, das es eigentlich im Englischen nicht gibt und das der Vf. von "inconclusive", also "ergebnislos" herleitet. Davies sieht sich hier vielleicht in der Situation des Richters in Lessings Ringparabel, in der es heißt: "So lad ich über tausend, tausend Jahre / sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird / ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen, / als ich: und sprechen: Geht!"