Diese Hörspieledition umfasst Dickens' "Große Erwartungen" auf 3 CDs, "David Copperfield" auf 4 CDs und "Oliver Twist" auf 2 CDs. Die Hörspiele sind untereinander recht verschieden und daher ist es schwer, ein Gesamturteil zu fällen.
Die Produktion von "Große Erwartungen" stammt von 1980. Von den drei Hörspielen hat sie mir von der Machart am besten gefallen. Die Hauptfigur Pip wird gleich von 3 hervorragenden Sprechern gesprochen: Helmut Zierl, Klaus Nägelen und Alexander Heinz. Die Tatsache, dass die ältere Erzählstimme von Pip oft übergangslos in die jüngere übergeht, ist ein ausgefallenes Stilmittel und passt sehr gut. Auch die anderen Sprecher überzeugen, besonders Gerhard Olschewski als Pips Schwager Joe und Hans Helmut Dickow als entflohener Sträfling Magwitsch. Die Musik ist sehr schön, allerdings wird äußerst sparsam mit Geräuschen umgegangen. Das macht dieses Hörspiel eher schlicht. Von der Geschichte her mochte ich "Große Erwartungen" sehr. Natürlich wurde reichlich gekürzt, aber nicht furchtbar auffallend. Pip stammt aus einfachen Verhältnissen und möchte gern mal jemand werden. Auf diese Idee kommt er, während er jahrelang zur feinen Dame Miss Havisham eingeladen wird. Diese Dame ist sehr reich und sehr exzentrisch. In ihre Nichte Estella verliebt Pip sich sofort, wird aber stets auf Distanz gehalten. Als Pip plötzlich fianzielle Unterstützung von einem Unbekannten bekommt und seiner Meinung nach erstmals was werden könnte, Estella für sich gewinnen könnte, braucht er lange, bis er merkt, was es wirklich heißt, jemand zu werden...
"David Copperfield" ist die neuste Produktion von 2006. Das merkt man ihr auch an. Die Sprecher sind wiederum sehr gut: Markus Meyer als David C., Dietmar Mues als Mr. Murdstone, Ulrich Noethen als Mr. Micawber, Jens Wawrczeck als Uriah Heep, die großartige Ingrid Andree als Miss Betsy etc. Allerdings gibt es auch 2 Ausfälle, wie ich finde. Anna Maria Kuricová als Agnes und Judith Rosmair als Dora, die 2 Frauen in Davids Leben, fand ich nahezu furchtbar. Geräusche sind wieder mager. Dafür überzeugt die Geschichte umso mehr, ist sie doch, meiner Meinung nach, die gelungenste von Dickens. Sehr autobiographisch erzählt sie vom Leben des David von seiner Geburt bis Ende 20, von den skurrilen Personen, die er trifft, von seinen Problemen, von seinem Versuch, sich als Schriftsteller zu etablieren, von seiner Blindheit, was Frauen angeht...
Die Produktion von "Oliver Twist" stammt aus den 50er Jahren und das merkt man dem Hörspiel auch an. Das meine ich nicht negativ. Ganz im Gegenteil. Aber als ich den Erzähler Hannes Hellmann gehört habe, konnte ich das Hörspiel direkt in diese Zeit einordnen. Er schafft einfach eine 50er Jahre-Atmosphäre. Tatsächlich wirkt das Hörspiel teilweise etwas erzählerlastig, weil die Stimme so auffällt. Ansonsten ist es ein wahrer Treffer (das ist auch Hannes Hellmann), was die Sprecher angeht: Gerd Baltus als Mr. Brownlow, Jörg Pleva als Fagin, Felicitas Kaempfe als Nancy und Anton Sprick als Oliver, alles herausragende Stimmen. Das Hörspiel ist stark gekürzt und wirkt wegen der nötigen Raffung sehr dynamisch. Leider wieder wenig Geräusche. Die Geschichte ist eher schwach. Dickens hat hier unwahrscheinlichen Zufällen und Pathos die Regentschaft überlassen. Wie der Waisenjunge Oliver erst in eine Bande von Kinderdieben gerät und dann zufällig genau zu den Menschen, zu denen er gehört, schien mir schon immer unplausibel. Leider hat das Hörspiel die bunte Welt der Kinderdiebe fast vollständig rausgelassen und vielmehr Olivers vollkommene Unschuld herausgehoben. Ansonsten ist das Hörspiel gut geraten.
Alles in allem also 3 ansprechende Produktionen, die schnörkellos sind, aber sehr gut besetzt wurden. 4 Sterne mit Tendenz zu 5.