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Was Wrenkh in "Die Erfindung eines glücklichen Menschen" nicht bewerkstelligen kann, hat sein Autor Wolf Wondratschek in der Erzählsammlung Die große Beleidigung geschafft. Vier gelungene Geschichten hat er geschrieben über das Misslingen großer Daseins- und Kunstentwürfe: wie das des Geigenvirtuosen Victor Auermann etwa, der nach dem "Todesurteil" eines anonymen Zuhörers ("Zu gut für ein Orchester, als Solist nicht gut genug") nur mithilfe eines Teufelspakts wieder einigermaßen auf die Beine gestellt werden kann. Oder wie das von Wrenkh, den schon die Fantasie des eigenen Knaben überrollt.
Da hat man hin und wieder das Gefühl, dass all die grandiosen Sätze sich auch bei Wondratschek ihr Recht auf Eigenleben erstritten haben. Dann proben sie den Aufstand und wehren sich, sich zu einem großen Ganzen zusammenzuschließen. Aber das Gefühl währt nur kurz und macht wohligem Behagen Platz. Dann nämlich merkt man, dass auch dies nur ein weiterer brillanter Einfall Wondratscheks gewesen ist, dem sein Vorhaben gelang: d ie Erfindung zahlreicher glücklicher Sätze nämlich und damit die Erfindung eines guten Buchs. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Wolf Wondratscheks Erzählungen
Früher, ja, früher begannen Wondratscheks Tage mit einer Schusswunde. Da nahm er sich auch Rolf Dieter Brinkmanns Diktum noch zu Herzen, vergass, dass es so etwas wie Kunst gab, und fing einfach an. Dieses quasi-naive poetologische Verfahren zeitigte zwar nicht immer überzeugende Ergebnisse, aber ein paar der frühen Erzählungen und vor allem die Lieder aus «Das leise Lachen am Ohr eines andern» und «Männer und Frauen» stehen völlig zu Recht in den massgeblichen deutschsprachigen Anthologien und Schulbüchern. Diese Texte zu lesen, ist fürwahr nicht das Schlechteste, was einem im Deutschunterricht so widerfahren kann. Sie sind auf eine hübsche Weise sentimental, welthaltig, offenbaren das nötige Gespür für den poetischen Augenblick und die stilistische Potenz, den abzukonterfeien. Hier war Wondratschek auf Augenhöhe mit seiner Zeit, auch deshalb, weil er die populäre Kultur als poetisches Substrat durchaus ernst nahm.
Mittlerweile ist er beim Alterswerk angelangt. Jetzt zeugt noch jeder Nebensatz von der hehren Absicht, Kunst herzustellen. Und nur darum geht es auch in diesen vier neuen Erzählungen: um die Bedingungen, Modi, Begleitumstände der Kunst und um die sich daran zuschanden Arbeitenden, an ihr leidenden, desillusionierten, weil zumeist gescheiterten Persönlichkeiten. Und natürlich werden dabei die grossen alten Probleme der Ästhetik noch einmal gewälzt: etwa das der Reflexion im künstlerischen Schaffensprozess, das notwendig die Grazie des Werks zerstören muss; die Frage nach der Funktion von Kunst oder nach ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit.
Für Letztere scheint sich Wondratschek besonders zu interessieren, denn sie wirkt immerhin strukturbildend für drei der Geschichten. Und er beantwortet diese Frage gut ästhetizistisch: Das Leben steht der Kunst im Wege, es verhindert oder verunreinigt sie doch zumindest. Und vice versa sind diejenigen, die ihr Leben der Kunst geweiht haben, nicht wirklich am Leben. Nach Art einer Versuchsreihe spielt er dieses Modell mehrfach durch. In der Titelgeschichte «Die grosse Beleidigung» etwa ist es das Publikum, das den nach eigener Einschätzung virtuosen Geiger Auermann so sehr einschüchtert, dass er im Konzert nur mehr mediokre Qualität abzuliefern vermag und schliesslich am Missverhältnis von eigentlich Gekonntem und tatsächlich Geleistetem zerbricht.
In «Die Erfindung eines glücklichen Menschen» wird der Schriftsteller Wrenkh von seinem kranken Sohn daran gehindert, eine so gut wie vollendete Erzählung fertigzustellen; er kann sich nicht richtig konzentrieren, immer wieder gewinnen Gedanken, die sich um das Spiel mit seinem Sohn drehen, die Oberhand, vermischen sich mit der Geschichte und verdrängen sie schliesslich ganz. Und in der Auftakterzählung «Giotto» stellt uns Wondratschek zwar einmal einen Protagonisten vor, der durchaus künstlerisch produktiv ist, dem dafür aber mehr und mehr die Welt abhanden kommt, der in Einsamkeit und Lethargie dahindämmert und zu allem Überfluss noch sukzessive sein Augenlicht verliert. Bis er schliesslich ausbricht, um das Leben nachzuholen und dann, selbstredend, künstlerisch verstummt.
Am Ende des Buches steht ein Hinweis, dass die Erzählungen in Wien geschrieben worden seien. Man hätte es sich fast gedacht, denn sie atmen allesamt diesen Fin-de-Siècle-Brodem. Die einschlägigen Themen werden hier verhandelt, das Personal stammt direkt aus der k. u. k. Monarchie, jedenfalls spricht, denkt und verhält es sich ganz so dekadent, müssiggängerisch, überfeinert und zynisch, wie es zur vorletzten Jahrhundertwende wohl en vogue war. Und Wondratschek befleissigt sich einer stilistischen Geziert- und Gespreiztheit, dass es manchmal so klingt, als habe er die Wiener Altmeister parodieren wollen (was ihm seine grenzenlose Ironie- und Humorlosigkeit aber natürlich verbietet).
Diese anachronistisch-behäbige Affektation ist ärgerlich von Beginn an, vor allem weil sie der Langeweile noch einmal eine neue Dimension erschliesst. Und nur die reine Perfidie hält einen bei der Stange, vielleicht doch noch nicht die geschraubteste, verzopfteste, abgeschmackteste Passage angestrichen zu haben. Möglicherweise ist das der folgende Dialog (sicher bin ich mir nicht):
«Ich habe mich heiraten lassen, meine Beste, allerdings, zugegeben, ganz gegen jede meiner Überzeugungen diesbezüglich. Bei jeder stellte ich mich in den Dienst einer anderen Lüge. Jede bezahlte mich mit ihrer Schönheit. Und zahlte dann mit dem Leben . . .
Was waren das für Frauen? Ich bin neugierig, erzählen Sie. Waren es, ausser dass sie schön waren, wie sie behaupten, auch intelligente Frauen?
Nicht dass ich es je bemerkt hätte, nein. Aber kommt es darauf an?
Nun ja, es ist vielleicht insgesamt amüsanter mit intelligenten Menschen, nicht?
Kenner schwören auf dumme Frauen, wussten Sie das nicht?
Interessante Theorie. Sie dachte darüber nach. Hatte sie, wenn sie früher vor dem Spiegel stand, nicht auch häufiger ihren Hintern begutachtet als ihr Gesicht? War ein Hintern nicht eine ehrlichere Haut als ein Gesicht? Ein Hintern war nicht auf Schminke angewiesen, sondern auf Durchblutung. Ein Hintern war eine runde Sache, wenigstens so lange, bis er die Form einer abfallenden Fieberkurve annahm. Gab es nicht Frauen, die nur aus Hintern bestanden, einem Hintern, gross wie ein Stück Marmor?»
Nun muss man sich angesichts solcher Stellen nicht nur fragen, was der Mann eigentlich nachts träumt, sondern auch, wen diese Etüden aus der Mottenkiste überzeugen sollen. Übrigens, dieselbe Dame, deren Gedanken Wondratscheks Erzähler hier referiert, zeigt sich kurz vorher noch fasziniert von einem barmherzigen Poeten, «der Gedichte verfasst, sie dann auswendig gekonnt und das Papier, auf dem sie geschrieben waren, ins Feuer geworfen hatte», auf dass nichts, aber auch gar nichts dem Publikum zu Gesicht komme. Interessante Methode. Darüber sollte er mal nachdenken!
Frank Schäfer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
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