Martin Georg Martens ist einer der großen Spracherzieher mit in die Tiefe reichendem anthroposophischen Hintergrund. Ich selbst bin kein Anthroposoph. Ich bin von seinem Buch fasziniert, begeistert, berührt, weil es eine Lücke schließt, die seit meinem Germanistik-Studium offen blieb. Jambus und Trochäus kennen noch alle Studenten, Anapäst und Daktylus können manche mit dem Sprachskalpell noch herausschneiden, aber spätestens da hört es bei allen schon auf. Übrigens findet man auch in den gängigen Poetiken nichts darüber Hinausreichendes mehr, von Ausnahmen natürlich abgesehen.
"Die griechischen Sprach-Rhythmen" bieten zuallerst einen systematischen Überblick von zwölf Grundrhythmen: Amphimacher, Jambus, Anapäst, Choriambus, Amphibachus, Päon, Jonikus, Antispast, Daktylus, Trochäus, Bacchius (Antibacchius) und Epirit.
Über dies hinaus, schreibt Martens aus der "Überzeugung, dass es sich in dem Umgang mit den künstlerischen Qualitäten in gleicher Weise um wirkliche Kräfte handelt, wie sie uns die Natur zeigt" und das veranlasste ihn "immer mehr, die Sprachrhythmen ernst zu nehmen und zu studieren." Aus diesem Studium folgen zuerst und zuletzt ungezählte Gedichte, die jeden Grundrhythmus beeindruckend im Wortsinn vorführen, verständlich machen und zugleich die Wirkung anregen. Das liest sich gut, und vielleicht erzeugt es auch Resonanz beim einen oder anderen Nachsprecher und Nachgeher.
Besonders gelungen und fast versteckt liefert Martens auf nur vier Seiten einige Hinweise zum Selber-Dichten. Er geht auch hier vom Rhythmus aus und zeigt, wie sich Längen, inhaltstragende Vokale und vieles mehr zu einem sinntragenden Ganzen fügen können. Einfach schön und inspirierend!
Ein Buch zum Kaufen, immer wieder Genießen, oft Verschenken, doch vor um es zu machen!