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Der Roman Die graue Erde von Galsan Tschinag, einem mongolischen Autor einer Nomadenfamilie der Tuwa, knüpft an seinen bereits 1994 erschienenen Roman Der blaue Himmel an. Für das Fellbaby, wie Dshurukuwaas Name auf Tuwa lautet, ist alles neu. Zuerst muß er sich die mongolische Sprache aneignen, denn sein Dialekt ist in der Schule verboten. Doch gelingt es dem intelligenten Jungen schnell, die unverständlichen Kreise und Striche zu zähmen. Und schon bald kann er die Buchstaben sogar aufeinander zutreiben, wie man es mit Ziegen und Schafen tut. Mit Strenge und brutalen Erziehungsmethoden werden die Kinder auf die sozialistischen Ideale verpflichtet. Ideale, in denen der Glaube an die göttliche Natur und Geister keinen Platz mehr findet. Dshurukuwaa ist bemüht, sich den Ansichten der Lehrer anzupassen, gerät jedoch bei dem Versuch immer häufiger in Konflikt mit seiner eigentlichen Berufung, dem Schamanentum.
Der Autor Galsan Tschinag, der auf Deutsch schreibt, läßt den Jungen seine Eindrücke mit den Bildern beschreiben, die dieser aus seiner archaischen Umgebung zur Verfügung hat. Die so entstehenden bittersüßen Kontraste bilden zusammen mit der dichten und metaphernstarken Sprache einen literarischen Genuß erster Klasse. Ein Roman, der auf der Zunge vergeht. --Anne Hauschild
Galsan Tschinags Roman «Graue Erde»
Galsan Tschinag schreibt über Nomaden aus dem Altai-Gebirge in der Mongolei, über deren jahrhundertealte Traditionen, schwere körperliche Arbeit und eine karge, fast menschenfeindliche Natur eine fremde Welt. Romane wie «Der blaue Himmel» und «Zwanzig und ein Tag» erzählen davon: Dabei wird die Geschichte zur Nebensache, die Alltagsschilderung tritt in den Vordergrund: Ziegen- und Schafherden müssen gehütet und durch den Winter gebracht werden, Tiere werden geschlachtet und verarbeitet, Kleider genäht, Gebrauchsgegenstände hergestellt. Das Leben ist ein täglicher Existenzkampf ohne Raum für Luxuserlebnisse und Luxusgefühle, ohne Musse für komplizierte Sorgen und delikate Probleme. Vor den Augen des Lesers entsteht eine Wirklichkeit, die mit seiner eigenen wohl wenig zu tun hat, möglicherweise aber gerade deshalb attraktiv wirkt. Abgesehen von der überschaubaren Lebenswelt scheint auch das Innenleben der Figuren unkomplizierter zu sein, von elementaren, jedenfalls klar lesbaren Gefühlen bestimmt: gewiss eine Fiktion, doch eine, die man, der Sehnsucht der Moderne nach einer verlorenen Einfachheit zufolge, gern für bare Münze nimmt. Nicht ganz zu Unrecht nährt die Begegnung mit Galsan Tschinags Büchern den Verdacht, ihre Veröffentlichung sei auch eine Verbeugung vor den eskapistischen Tendenzen des Zeitgeistes, einem Hang zur herben Exotik, einem Zurück zur Natur. Doch sein zuletzt erschienener Roman, «Die graue Erde», geht darüber hinaus.
Der nostalgische Gang durchs Völkerkundemuseum tritt zugunsten einer vital und eigenwillig in der Unmittelbarkeit des Präsens vorgetragenen Geschichte zurück. In ihr geht es um den Zusammenstoss des kleinen Volkes, dem der Erzähler angehört, der Tuwa, mit den rigiden Zwängen des modernen sozialistischen Lebens in den vierziger Jahren: Die politische Anlehnung der Mongolischen Volksrepublik an die Sowjetunion bedeutet für die Tuwa Nichtrespektierung ihrer ethnisch-kulturellen Eigenständigkeit. Ohne Zorn und Bitterkeit, aber in der Beobachtung äusserer Vorgänge teilt sich die Erfahrung von Unterdrückung und Bedrohung der Identität in den Kindheitserinnerungen mit. Denn aus der Kinderperspektive wird hier berichtet, mit der Autorität eines unverstellten, nicht alles begreifenden und daher um so genaueren Blickes.
Beeindruckt sieht der Nomadenknabe, der zum Schulbesuch gezwungen wird, zum erstenmal in seinem Leben ein Haus, staunend geht er zum erstenmal über eine Treppe, die Treppe der Schule. Das Staunen mischt sich mit Entsetzen, als er feststellt, dass er in der fremden Umgebung seinen tuwinischen Namen nicht behalten und seine tuwinische Sprache nicht mehr sprechen darf. Auch der in seinem Volk verwurzelte Glaube an die göttlichen Kräfte der Natur und die Geister wird in der Schule bekämpft. Doch eine Katastrophe, die sich beim Ausschachten eines Kellerraums für die Schule ereignet, deutet er als Antwort der Naturkräfte auf deren Missachtung und Verletzung wie überhaupt das Übersinnliche hier ganz sinnlich in Erscheinung tritt. In gleicher Weise werden psychologische Phänomene als etwas Greifbares, fast Gegenständliches beschrieben. «Lange dauert es, bis sich der Widerhall von ihrem Tun und Reden im hohlen Raum legt», wird die Wirkung einer Frau beschrieben, die gerade ein Zimmer verlassen hat. Ebenso direkt sind die Naturschilderungen: «Die Nacht hat es geregnet. Die Steppe glänzt, wie ausgewaschen, die Luft steht erweicht und duftet, und kräftige, scharfkantige Strahlen springen von der Sonnenkugel herüber.»
Doch allem erzählerischen Selbstbewusstsein zum Trotz bleibt der Leser seinen eigenen Empfindungen überlassen. Weder gängelt der Roman Gefühle, noch will er mit Meinungen oder originellen Entwürfen beeindrucken oder beeinflussen. Vielmehr stellt er seinen Gegenstand in grösster Einfachheit und Klarheit vor uns hin, und man fühlt, dass dieser Gegenstand sein eigentliches Anliegen ist. Galsan Tschinags Bericht aus dem Land seiner Heimat, vom Alltag seines Volkes, von seinen Mythen, Geschichten und Bräuchen ist der Versuch, eine im Verschwinden begriffene Kultur schreibend noch einmal festzuhalten, einem schriftlosen Volk in Büchern ein Denkmal zu setzen, oder, weniger retrospektiv und pathetisch gesagt: Seine Bücher sprechen stellvertretend vom Selbstbehauptungswillen seines Volkes und von seiner Tradition. Man kann sie als Akt des Widerstandes gegen eine einebnende Gesellschaft verstehen; sie beharren auf dem Besonderen, auf dem Wert der kulturellen Differenz.
In diesem Sinne lässt sich auch ein Erzählung genanntes Tiermärchen von Galsan Tschinag verstehen, «Der Wolf und die Hündin». Wieder zeigen sich ein unsentimentales, nur scheinbar naives Verhältnis zur Natur, eine uns ungewohnte Betrachtung und Beurteilung menschlicher (und tierischer) Verhaltensweisen und die Unmittelbarkeit seiner Darstellung: eine Lektüre, die nicht des exotischen Ambientes, sondern ihres überraschenden Zugriffs auf die Wirklichkeit wegen lohnend ist.
Marion Löhndorf
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Galsan Tschinag, der im Alter von zwanzig Jahren zur Ausbildung in die damalige DDR geschickt wird und dort lernte, sich in unserer Sprache mitzuteilen, verfügt über eine spröde, raue Sprache, die er jedoch jeder Stimmung, jedem Geschehen anzupassen versteht, und die auch nicht einer gesunden Dosis Poesie entbehrt. Kritik, mit der er nicht spart, teilt er über die „Kinder-Augen" des Protagonisten mit, der kaum realisieren mag, was er da manches mal sieht und erlebt. 273 Seiten packend geschildertes Erleben. Ein Muss, für jeden der gerne liest und gerne lesend miterlebt. HMcM
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