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6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Alice im Naziland, 9. Januar 2008
Aichinger, Ilse, Die größere Hoffnung, 1948 (SZ-Bibliothek 2007)
Eine Parabel, ein lyrischer Text, ein expressionistischer Schrei, eine Kindergeschichte.
Ilse Aichinger hat, so liest man im Klappentext, ihr Medizinstudium 1947 abgebrochen, um dieses Buch zu schreiben, das offensichtlich weitgehend autobiografisch ist, und ihre Kriegserlebnisse zu verarbeiten versucht, obwohl es im Roman Abweichungen von ihrer Autobiografie zu geben scheint (im Roman ist die Mutter, Jüdin, noch nach Amerika ausgereist, der Klappentext sagt lediglich, sie durfte nicht mehr als Ärztin in Wien praktizieren - im Roman nimmt sich die Großmutter in ihrer Wohnung das Leben, im Klappentext heißt es, sie wurde mit ihren Töchtern deportiert und schließlich: im Roman wird die Protagonistin Ellen - das alter ego von Ilse Aichinger - am Schluss von einer Granate zerrissen).
Die Wirklichkeit im Roman bleibt schemenhaft, oft traumhaft oder besser alptraumhaft, nicht überwiegend realistisch, sondern eher surrealistisch, in erster Linie spricht hier ein traumatisierter Mensch, dem man die Erschütterung und Verstörung durch die Kriegserlebnisse noch anmerkt. Man muss allerdings bereit sein, sich auf diese Innenschau, dieses gleichnishafte Erzählen einzulassen.
Man kann an Borcherts Draußen vor der Tür" denken - auch hier ein aufwühlendes Pathos, expressionistischer Schrei, Anklage (wenn auch krasser als bei Aichinger) und wüste, groteske Kontraste. Aichinger versucht ihre Aufgewühltheit durch eine gewisse Forschheit und coolness in der Erzählhaltung auszubalancieren. Das sind z.B. die Passagen, in denen Ellen aufs Amt geht, um ein Visum zu erhalten oder wenn sie mit ihren jüdischen Freunden spielt oder wenn sie die Welt der Erwachsenen durcheinanderwirbelt, als sie sich in einen Munitionszug einschleicht, gefangen und verhört wird. In anderen Passagen ist die Erschütterung so stark, dass sich der Ton einer realistischen Schilderung annähert, z.B. als Ellen, selbst nur Halbjüdin" und nicht zum Tragen des Judensterns gezwungen, sich unschuldig einen solchen annäht und den Hass der Arier" zu spüren bekommt, oder als ihre Großmutter sich selbst vergiften will, als sie die Nazischergen im Hausflur hört. Diese Szene ist fürwahr tieftraurig, wie das Mädchen Ellen ihre Großmutter davon abzuhalten versucht, stattdessen von der Großmutter wie früher ein Märchen erzählt bekommen möchte. Man denkt an Büchners Woyzeck", wo einmal unvermittelt eine Großmutter auftritt und den Kindern ein schauriges Märchen von einer unheimlich gewordenen Welt erzählt. Ellens Großmutter macht drei Anläufe zum Märchenerzählen (nachdem Ellen ihr versprochen hatte, ihr dafür das Gift zu geben), kommt aber über Es war einmal.." nicht hinaus und schluckt das Gift in Gegenwart des Kindes.
Es sind eine Reihe von Episoden, die den Roman ausmachen, das vielleicht auffälligste Merkmal ist der durchgehend metaphorische, parabelhafte (gleichnishafte) Charakter der Erzählung. Die Ereignisse haben immer einen realistischen Ausgangspunkt (z.B. üben die Kinder in einem Zimmer heimlich ein Weihnachtsspiel, oder Ellen wird bei einem Bombenangriff im Keller mit zwei Einbrechern verschüttet, oder sie irrt am Schluss mit einem Soldaten der Alliierten durch die Stadt), aber diese Ereignisse sind immer nur Anlass für eine permanente Ausweitung ins Tiefsinnige, wobei die sogenannte Normalität zutiefst fragwürdig erscheint, was sich z.B. im häufigen Gebrauch von Paradoxa äußert: "'Wo ich gewohnt habe', sagte Ellen, 'war ich noch nie zu Hause'" (167) oder: "Siegen wird, wer sich ergibt." (170) usw.. Manchmal zeigt sich hier auch ein predigthafter Ton: "Denn ihr werdet nur besitzen, was ihr nicht gegriffen habt, und ihr werdet umarmen, was ihr lasst. So viel habt ihr, als ihr mit eurem Hauch beseelt, und so viel beseelt ihr, als ihr preisgebt. Einem fremden Preis, hört, wie eure Kurse stürzen, einem unbekannten Preis! Was ist eure Währung? Gold, um das ihr mordet, Öl, das euch vertreibt, Arbeit, die betäubt? Ist eure Währung nicht Hunger und Durst und war euer Kurs nicht euer Tod? Aber der Wert ist die Liebe, der Kurs von Gottes Börse, das ist alles." (190). Wer hier spricht, ist das weise Kind Ellen, eine heillose Alice im Naziland.
Die Frage stellt sich nach der Wirkung einer solchen Literatur. Immerhin hält die Redaktion der Süddeutschen Zeitung dieses Buch für würdig, in der Reihe der großen Romane des 20.Jahrhunderts zu erscheinen, während doch gängige Literaturgeschichten den Titel kaum nennen. Man liest im Anhang, dass 1988 eine Schülerjury Ilse Aichinger den "Weilheimer Literaturpreis" zuerkannt hat, der Roman habe für sie "Geschichte verstehbar gemacht". Von daher ist man versucht zu sagen, dass vielleicht junge Menschen am ehesten Zugang zu einem solch subjektiven Panorama haben, die meisten Leser ziehen jedoch offensichtlich eine Darstellung vor, in der die Ereignisse so dargestellt werden, dass sie sie selbst nachvollziehen können, ohne dass der Erzähler beständig an ihre Einsicht und ihr moralisches Bewusstsein appelliert. Aber die Wirkungsgeschichte von Büchern ist unvorhersehbar.
Bleibt noch die Frage, was es für die Schriftstellerin selbst gebracht haben mag, ihre Erlebnisse in dieser Weise zu verarbeiten. Die Antwort kann man dem Buch selbst entnehmen: Die Kinder üben in einem Zimmer heimlich ein Weihnachtsspiel ein, Kommentar des Erzählers: "Zu spielen. Es war die einzige Möglichkeit, die ihnen blieb, die Haltung knapp vor dem Unfassbaren, die Anmut vor dem Geheimnis. Dieses verschwiegenste Gebot: Spielen sollst du vor meinem Angesicht! In der Sturzflut der Qualen hatten sie es erraten. Wie die Perle in der Muschel lag die Liebe in dem Spiel." (110)
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7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Tränentreibend, 10. März 2002
... das geht schon deshalb, weil der Roman keinen Erzählstrang hat, sondern aus zehn nur sehr lose verbundenen Szenen besteht; eine Entwicklung von der einen zur anderen ist zwar feststellbar, versteckt sich aber - immerhin: der Krieg rückt immer näher, es gibt auch zunehmend viele Opfer. Im Vordergrund steht jedoch eine fantastische Bilderwelt, mit philosophisch-aphoristischen Dialogen, die ganz sokratisch die Opfer zu Gewinnern machen und es noch aus der Sicht der Verfolgten zu Mitleid mit den Tätern bringen. Und das inmitten einer vermenschlichten Trümmerwelt mit müden Bombenkratern. Das ist kein "realistisches" Kriegsbuch, sondern vielmehr die vollendete Bewältigung dieser Realität mit den Mitteln der Dichtung, des Traums, des Gefühls und des Mitleidens.
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5.0 von 5 Sternen
Wortgewaltig, 3. Januar 2010
Mehr noch als der Inhalt, hat mich Aichingers Schreibstil gefesselt. Schon nach der ersten Seite fängt es einem an zu schwindeln - man fühlt sich hineingezogen in Ellens konfuse Welt, voller wichtiger und nichtiger Gedanken; es ist, als würde man direkt in einen fremden Kopf springen und nun durch Ellens Augen den Krieg betrachten - oder besser die damit einhergehenden Umstände.
Gegen den Willen der Mutter bleibt das Mädchen zurück, als diese nach Amerika auswandert. Von da an muss sie bei ihrer "falschen" (also jüdischen" Großmutter und der Tante wohnen. Eines Tages verschwindet die Tante spurlos - wahrscheinlich deportiert.
Ellen, vollkommen verzweifelt, weil man ihr kein Visum ausstellen will, streicht durch die Stadt und findet unverhofft Freunde - eine Gruppe Kinder mit lauter falschen Großeltern, weswegen sie kaum ein Geschäft betreten können und keinen Ort zum Spielen haben. Jeden Tag warten sie am Flussufer darauf, dass ein Kind in die Fluten fällt, damit sie es retten können und so die Erlaubnis des Bürgermeisters bekommen, andere Orte zu betreten. Ellen freundet sich mit den Kindern an und gemeinsam erleben sie erdachte Abenteuer. Doch nach dem Tod der Großmutter entfremden sich die Kinder langsam voneinander...
Eindruckvoll und wortgewaltig zeichnet Aichinger die Hilflosigkeit eines Mädchens nach, dass auf sich allein gestellt auf einen Ausweg wartet und die Hoffnung bis zuletzt nicht aufgibt.
Zitat:Der Schrank musste verkauft werden. Um welchen Preis verkauft man, was man liebt?
"Dich für Geld", erklärte Ellen dem Bücherschrank, "und das Geld für die Grenze. Du musst mich verstehen, dich für die Grenze!"
Mit beiden Armen versuchte sie ihn zu umfangen.
Der erste Käufer ging, weil er keinen Sinn für Beziehung zwischen Traum und Geschäft hatte, der zweite ging, weil er in einem Winkel des alten Schranks eine Spinne entdeckte, und erst mit dem dritten konnte Ellen eine Verhandlung versuchen. Es war keine schlechte Verhandlung, da sie mit Schweigen begann. Als beide lange genug geschweigen hatten, um sich ein wenig kennezulernen, warf Ellen dem verblüfften Käufer ihre märchenglänzenden Argumente an den Kopf. Sie sprach für den alten Schrank.
"Er knarrt!", sagte sie, legte den Finger an den Mund und bewegte sachte die morschen Flügel. "Und wenn drüben ein Zug vorbeifährt, beginnen seine Scheiben zu klirren. Wollen Sie warten, bis ein Zug vorbeifährt?"
Der Käufer setzte sich auf einen Lehnstuhl, der sofort umkippte. Er stand wieder auf, antwortete aber nicht. "Er riecht nach Äpfeln", flüsterte Ellen drohend und hilflos. "Ganz unten ist ein Brett zuwenig, da kann man sich verstecken!"
Vergeblich versuchte sie, das Unfassbare in harte Worte zu fassen. [...] "Im Herbst kracht er, als ob er ein Herz hätte!", erklärte sie statt dessen triumphierend.
"Kracht man im Herbst, wenn man ein Herz hat?", fragte der Käufer. Dann warteten sie wider stumm auf den Zug.
"Der Wind geht!", sagte Ellen, als müsste auch dieser Umstand den Wert des Schranks beweisen. "Wieviel wollen Sie zahlen?"
"Ich warte", sagte der Käufer unbeweglich. "Ich warte auf den Zug."
Der Zug kam. Die Scheiben klirrten.
"Er hat Angst", sagte Ellen und wurde blass, "der Schrank hat Angst vor Ihnen."
"Ich nehme ihn", sagte der Käufer.[...]
"Danke [...] aber ich weiß nicht - er hat Angst vor Ihnen."
"Er wird sich beruhigen" [...]
"Können Sie ihn bezahlen?" [...]
"Nein", antwortete der Käufer traurig, "nein, ich kann ihn nicht bezahlen. Er knarrt und riecht nach Äpfeln. Ich bleibe Ihr Schuldner." Und er legte fünfhundert Mark auf den Tisch. [...]"Sagen Sie Ihrer Großmutter: Nichts über einen tiefen Traum." Und der Käufer ging, ohne den Schrank jemals abzuholen. Er hatte den Apfelduft gekauft und Ellens blasses Gesicht.
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