Es ist schwierig, unter den Meisterwerken, die Rosemary Sutcliff abgeliefert hat, einen Primus inter Pares auszuwählen, aber zumindest unter den Büchern, die ins Deutsche übersetzt wurden - beklagenswert wenige - gebührt dieser Titel meiner Ansicht nach den Glorreichen Dreihundert.
Es ist ein Spätwerk von Sutcliff und eines der eher wenigen Bücher, in denen sie die erste Person Singular als Erzählform wählte. Es spielt während des dunklen zeitalters Großbritanniens, in den Jahren nach dem Abzug der Römer und dem letzten Aufbaumen der Kelten gegen die sächsische Invasion aus dem Osten. Der grandiose Einigungsversuch der kelto-römischen Stämme gegen die Invasoren durch Ambrosius Aurelianus und Arthur Pendragon sind längst Geschichte und werden langsam Mythos. Auf den Ruinen der römischen Zivilisation wehren sich einzelne Stammesfürsten gegen den Untergang. Der walisische Grafensohn Prosper - ein netter Junge, der immer mit allen gut Freund sein und das Beste für seine Freunde will - begegnet zusammen mit seinem Sklaven und Freund Conn und dem Mädchen Luned einem weißen Hirsch. Obwohl die Kinder schweigen, kommt die Sache natürlich heraus und Prinz Gorthyn, Lehnsherr von Prospers Vater, erscheint zur Jagd. Prospers Versuch, den Hirsch lieber selbst zu töten als den Hunden zu überlassen misslingt, aber zu seinem großen Erstaunen verschont der Prinz den Hirsch und erweist sich als verwandte Seele. Prosper vergisst ihm das nie und folgt ihm einige Jahre später als Schildträger an den Hof König Mynyddogs, der davon träumt eine Eliteeinheit gegen die sächsischen und anglischen Eindringlinge aufzubauen. Als die aus insgesamt fast tausend Männern bestehende Schar (zu den Dreihundert gehörten noch pro Mann zwei Schildträger) schließlich in den Kampf zieht, weiß keiner der Männer, was ihnen bevorsteht und welche Pläne der König wirklich mit ihnen hat und letztlich - zu keineswegs guter letzt - werden Prosper und ein Ritter der Dreihundert die einzigen Überlebenden sein, die zurückkehren.
Das hier ist ein Anti-Kriegsbuch. Sutcliff hat mitunter einen verherrlichenden Blick auf das Militär und das ist auch gut so, denn sie beschreibt Werte, die auf den ersten Blick unmodern und eben soldatisch wirken, abernichts von ihrer Bedeutung für die Gesellschaft verloren haben: Treue, Kameradschaft, Mut usw. Aber sie beschreibt eben so minutiös den Preis, den die Bewahrer dieser Werte zu bezahlen haben und sie braucht dafür nicht einmal große Schlachtgemälde und brutale Kampfszenen, sondern es genügen ein paar hingeworfene Sätze über einen Krieger, der seinen Bruder findet, beinahe zerteilt von einer sächsischen Kriegsaxt. Mir fällt es immer wieder beinahe schwer, dieses Buch zu lesen, eben weil es so erschütternd dicht geschrieben ist. Die Glorreichen Dreihundert hat sicherlich nicht den gleichen Bekanntheitsgrad wie andere Sutcliff-Bücher, aber es hätte ihn verdient!