Mit einem natürlichen Reflex gegen das "Ich weiß, was für dich gut ist-Konzept" aufgewachsen, werfe ich gerne einen Blick auf die Biografie der Menschen, die sich für mein Glück verantwortlich fühlen. Stelle ich dann fest, dass ihr Lebensunterhalt von einer staatlichen Institution bezahlt wird, betrachte ich angewandte Methoden und vorgelegte Beweise besonders genau. Unter diesem Blickwinkel las ich denn auch dieses Buch, da Richard Layard als Wirtschaftsprofessor und Mitglied vom englischen Oberhaus eher selten in den Niederungen der Produktivkräfte anzutreffen ist, deren Früchte andere umverteilen. Trotzdem finde ich es selbstverständlich gut, wenn sich auch Ökonomen dafür interessieren, was Menschen außer dem Kauf eines neuen Autos auch noch glücklich machen könnte. Zumal diese Frage in den klassischen Lehrbüchern nur am Rande auftaucht. Wenn überhaupt.
Richard Layard beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, was den einzelnen Menschen und die Gesellschaft glücklicher macht. Davon zeugt auch der über sechzig Seiten dicke Anhang. Und er gehört auch zu den Wirtschaftswissenschaftlern, die über den Gartenzaun blicken, sich mit Vertretern anderer Wissensdisziplinen austauschen und die Glaubenssätze der eigenen Zunft hinterfragen. Aber da er seine eigene Geschichte natürlich nicht umschreiben kann, bleibt er zumindest methodisch in wirtschaftswissenschaftlichen Modellen verhaftet. Also ist sein Glaube an Befragungen und die Aussagekraft von Statistiken ungebrochen. Wäre dem nicht so, würde er auf Grafiken von durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen oder Prozentsätzen glücklich verheirateter Amerikaner verzichten. Und er wäre auch sehr viel skeptischer gegenüber einfachen Ursache-Wirkungs-Modellen. Aber davon kann niemand ablassen, der staatlichen Organisationen zutraut, den Glückspegel einer Gesellschaft nach oben zu verschieben. Geschehen soll dies mit den bekannten Mitteln von Bestrafen und Belohnen, Beraten und Belehren, Befähigen und Bemuttern, Berichtigen und Besteuern. Und wenn das alles nichts hilft, kann man sich ja immer noch ein gewitztes Anreizsystem ausdenken. Mag sein, dass ich mit dieser Beschreibung dem Denken von Richard Layard nicht gerecht werde. Aber die Staatsgläubigen werden genau das herauslesen und die vielen Zwischentöne nicht hören.
Es gibt Bücher, die ich besser bewerte, als mein ideologisches Gewissen eigentlich zulassen würde. Zu diesen gehört auch das von Richard Layard. Denn ich verspreche mir von einer Empfehlung, dass es möglichst viele von den Ökonomen lesen, die noch immer glauben, der Mensch sei ein rationales Wesen und die unsichtbare Hand würde alles von alleine regeln. Dass dem nicht so ist, haben aufmerksame Beobachter schon vor der Finanzkrise gesehen. Und so heikel die These auch ist und zum Missbrauch verleiten kann, es ist tatsächlich so, dass die Einkommenskurve nicht parallel zur Glückslinie verläuft. Dafür liefert Richard Layard so viele Beweise, dass Festhalten an alten Bildern nur mit großem Verdrängungsaufwand möglich ist.
Mein Fazit: Mit seinem Renommé und seinen Analysen kann der Autor dazu beitragen, dass sich auch Ökonomen vermehrt mit der Frage beschäftigen, was die Gesellschaft und den einzelnen Menschen glücklicher macht. Schade finde ich nur, dass der Autor allzu sehr auf Politik und Staat setzt und dabei manchmal vergisst, wer die menschlichen Verhaltensmuster knüpft.