Philip Carter ist ein durchschnittlicher Ingenieur, Ehemann und Vater. Etwas Antriebsloses, Argloses durchzieht seinen Charakter und macht ihn zum Opfer eines Justizirrtums. Zu leichtfertig unterschreibt er für seinen Vorgesetzen Papiere, so dass er für dessen Unterschlagungen verantwortlich gemacht wird und sich im Zuchthaus wiederfindet.
Zu Beginn des Buches finden wir ihn bereits in der öden, genau reglementierten Gefängniswelt mit all ihren unsichtbaren Fallstricken. "In ungebügelten, fleischfarbenen Sträflingsanzügen, jeder mit einer Nummer auf dem Rücken, strömten die Männer..." beschreibt PH die Gleichform der Gefangenen, wo jeder in der Masse unterzugehen scheint und doch genau beobachtet wird. Von Mitgefangenen, von den Gefängniswärtern. Carters Seele ist hier noch nicht angekommen, sein Geist befindet sich meist bei seiner geliebten Frau Hazel und seinem alten Leben. Das jetzige ist unerträglich. Die Zelle zu klein, die Rituale grässlich, der Mitbewohner benimmt sich unfreundlich bis feindlich gestimmt. In der vagen, vergeblichen Hoffnung diesen freundlicher zu stimmen, übernimmt er einen Botengang und begeht, eher gedankenlos als unwissend, einen Regelverstoß zu viel. Die Aufseher, in der realen Welt unterprivilegiert, im Gefängnis mit großer Macht ausgestattet, knöpfen sich ihn vor. Der Ingenieur verkörpert alles, was sie nicht haben können und deshalb verachten müssen: Kultiviertheit, Bildung und, wenn sich nach 6 Jahren die Gefängnistore wieder öffnen, trotz allem die Aussicht auf ein besseres Leben, als sie jemals haben werden. Carter wird gegen alle Regeln gefoltert. Seine Daumen werden nie wieder vollständig funktionieren und der Dauerschmerz wird ihm zum Morphiumsüchtigen machen. Aber das Morphium hilft, das Leben im Gefängnis besser zu ertragen. Das und die Besuche und Briefe seiner Frau, um deren Liebe er immer mehr bangt. Noch im Gefängnis wird er zu einem typischen Highsmithmörder. Wieder einmal gelingt es ihr in teuflisch unaufgeregter Erzählweise, dass dieser Vorfall Nebensache bleibt und sich an der wohlwollenden Einstellung des Lesers zu Carter nichts ändert. Niemand kann das so wie sie.
Fast die Hälfte des Romans handelt im Gefängnis, dann kommt Carter frei. Hazel und sein Sohn (die wenigen Kinder in Highsmith-Geschichten sind immer alleine und misstrauen Erwachsenen tendenziell) warten auf ihn. Vordergründig nimmt er, verbessert durch eine ansehnliche Erbschaft, sein altes Leben wieder auf. Aber Carter ist unwiderruflich nicht mehr derselbe. Das Zuchthausleben, seine Sucht und sein erlittenes Unrecht haben ihn für immer geprägt. Der weiche Mensch hat nun einen stahlharten Kern. Es führt kein Weg zurück in die Zeit davor und er muss das akzeptieren. Nicht akzeptieren kann er, dass Hazel eben doch ein jahrelanges Verhältnis mit einem hat, der ihr über die schweren Jahre hinweggeholfen hat. Die Beziehung zu Sullivan, dem erfolgreichen Rechtsanwalt, wird von Hazel auch nach seiner Entlassung nicht beendet. Kopf in den Sand stecken hilft nicht. Dass er diesem Mann seinen beruflichen Neuanfang verdankt, macht alles noch schlimmer. Außerdem gehört Sullivan die Liebe seines Sohns, während das Verhältnis zu ihm verhalten bleibt: Mein Vater, der Zuchthäusler. Carter hat Kontakte ins kriminelle Milieu, das für ihn genauso vertraut ist, wie sein neues, altes Leben. Der Griff zum Heroin ist nicht außergewöhnlich, ähnlich wie der zum Drink oder zur Zigarette. Auch bei diesen Leuten hat Sullivan eine Rechnung offen. Aber es ist Carter, der ihn töten wird. Ein sich gegenseitig schützendes Alibi mit seinem kriminellen Bekannten und seine innere Härte schützen ihm davor, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Am Ende wartet Hazel, die sich aus einer Mischung aus Liebe und Reue mit der Realität arrangiert hat, ramponiert, aber immer noch als starker Fels auf ihn. Dieses Mal kommt Carter, obwohl schuldig, ganz knapp davon.
Ist das gerecht? Wo bleibt da die Moral?
"Mir kommt die allgemeine Passion für Gerechtigkeit (...) langweilig und künstlich vor, denn weder das Leben noch das Schicksal oder die Natur kümmert sich darum, ob der Gerechtigkeit Genüge getan wird." hat PH in ihren persönlichen Unterlagen aufgezeichnet. Gutmenschen mag diese Einstellung schockieren und provozieren, aber PH hat Menschen, nicht immer, aber oft, mit dem gleichen naturwissenschaftlichen Interesse beobachtet, wie zum Beispiel das Liebesspiel von Schnecken. Moral fand sie langweilig, ihre Bücher sind dann auch alles andere als moralisch. Mit unbestechlichem Blick zeigt sie auf, dass "Gut" und "Böse" in jedem Menschen angelegt ist. Schwarz und weiß gibt es nicht. Jeder Mensch handelt richtig und falsch, manchmal liegen nur Sekunden zwischen beiden Verhaltensweisen. Sozial oder asozial - niemand kann das eine oder andere ausschließlich für sich in Anspruch nehmen. PH Geschichten zeigen leise und unaufgeregt den schutzlosen, im Grunde seines Wesens auf sich selbst gestellten Menschen und seine Unzulänglichkeit. Darin hat sie es mit großem Talent und fiebriger Disziplin zur Meisterschaft gebracht. Sie gehört zu den ganz Großen des 20. Jahrhunderts und hat sich ihren Spitzenplatz in der Weltliteratur ohne Rücksicht auf sich selbst oder andere mit Herzblut erschrieben.
PH langjähriger Verleger, Daniel Keel, der ein Glücksfall für ihre schriftstellerische Arbeit war und ist, hat im Rahmen einer schönen Werkausgabe alle Bücher von ihr sorgfältig neu übersetzen, gegebenenfalls ergänzen und, da auch Sprache altert, vorsichtig dem heutigen Sprachgebrauch anpassen lassen. Ein interessantes Nachwort von Paul Ingendaay und eine editorische Notiz von Anna von Planta am Ende der Bücher runden die liebevolle Gestaltung der Werkausgabe ab. Am besten erwirbt man dieses literarische und verlegerische Juwel gleich komplett.
Natürlich ist bei dem Buch "Die gläserne Zelle", wie bei etlichen anderen auch, der Zeitpunkt des Entstehens nicht zu übersehen. Dieses Werk entstand in seiner endgültigen Fassung 1964, also vor über 40 Jahren. Wir kommunizieren heute anders, vor allem schneller, greifen nicht mehr so unbeschwert und selbstverständlich zu Drinks und Zigaretten (das Päckchen zu 35 Cent!), die kriminalistische Ermittlungsarbeit hat seither Quantensprünge gemacht (ein intelligenter Mörder würde heute wohl kaum mehr auf sein Opfer spucken) und gesellschaftliche Normen haben sich verändert oder existieren nicht mehr. Die Grundpfeiler der Ehe beispielsweise, scheinen in diesem Buch noch aus Erz gegossen zu sein, wenn es auch damals schon zu Scheidungen kam (zu Seitensprüngen sowieso). Die Regel war das aber nicht, weder in Amerika noch in Europa. Betrachtet man das gerade in Kraft getretene neue Scheidungsrecht in Deutschland, das der heutigen Lebensweise vieler Menschen angepasst wurde, so erscheint die Welt der "gläsernen Zelle" viel älter als nur ein knappes halbes Jahrhundert. Was sich aber nie ändern wird, sind menschliche Verhaltensweisen. Deshalb ist der Kosmos der Patricia Highsmith immer aktuell.
Helga Kurz