Die gestundete Zeit ist natürlich auch komplett in
Sämtliche Gedichte enthalten. Siehe auch meine Rezension dort.
"Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen,
ist die Nacht von Dornen erhellt und der Donner
des Laubs, das so leise war in den Büschen,
folgt uns jetzt auf dem Fuß."
Ingeborg Bachmann mag zwar nicht zu dem Triumvirat Fried, Sachs und Celan gehören, die nach dem zweiten Weltkrieg alle auf ihre Weise - Erich Fried und Nelly Sachs aus dem Exil und Paul Celan vor Ort - versuchten eine lyrische Aufarbeitung des deutschen Holocausts und des Verbrechens der Menschlichkeit zu betreiben, jedoch steht sie dieser Gruppe näher als allen anderen dichterischen Traditionen.
"Wie Orpheus spiel ich
auf den Saiten des Lebens den Tod
und in die Schönheit der Erde
und deiner Augen, die den Himmel verwalten,
weiß ich nur Dunkles zu sagen."
Als der Gedichtband 1953 erschien, war eine kleine Sensation. Diese Sprache, dieses Fieber und doch diese Präzision und diese klaren, kryptischen Zeilen. Kaum eine nicht bedeutungsschwangere, filigrane Zeile zu finden. Alles irgendwie schwer und doch so vieldeutig.
"In die Muscheln blasend, gleiten die Ungeheuer des Meers
auf die Rücken der Wellen, sie reiten und schlagen
mit blanken Säbeln die Tage in Stücke, eine rote Spur
bleibt im Wasser, da legt sich der Schlaf hin,
auf den Rest deiner Stunden,
und dir schwinden die Sinne."
Frauen schreiben häufig subjektivere Poesie; jede Lyrik ist subjektiv, aber die von Frauen noch ein Stück mehr, als bei den meisten Männern, zumindest von der Thematik her. Sylvia Plath, Else-Lasker Schüler, Gertrude Kolmar und Nelly Sachs (wobei bei ihr tatsächlich ihr persönliches Schicksal zum Symbol werden konnte, zum Symbol des Überlebenden) waren alle Stimmen mit einer eigenen Sprache ganz tief drinnen, ihre ganzen Akkorde kamen aus ihrem Wunsch sich selbst in einem Spiegel ihrer Worte vielleicht wiederzufinden, ihren Ausdruck auf die Welt zu prägen, damit ihnen das helfe, Worte für die Bilder zu finden, die sie nicht losließen; das minderte nie die Magie ihrer Poesie, aber doch manchmal deren Horizont. Ingeborg Bachmann steht mit "die gestundete Zeit" zwar in dieser Tradition, hat sie aber auch zum Teil gebrochen, denn sie weitet ihren Spiegel auf die Welt aus.
Ihre Lyrik ist ein einziger Bildersturm, später noch mehr als in diesem Buch, der noch eine Art trügerisches Auf- und Abflauen in sich trägt. So gibt es auch Zeilen wie diese, die sich Bertold Brecht in seinem Exemplar anstrich - denn sie hätte von ihm sein können:
"Sieben Jahre später,
in einem Totenhaus,
trinken die Henker von gestern
den goldenen Becher aus.
Die Augen täten dir sinken."
Es ist nicht meine Aufgabe über die Aktualität dieser Lyrik zu urteilen. Ich denke aber, dass sie von einer so hemmungslos(gehemmten)en Qualität ist, das sie immer lesenswert und ausdeutbar bleiben wird, nicht in allen Teilen, aber in großen Teilen. Im Übrigen glaube ich auch, dass das auf das poetische Gesamtwerk von Ingeborg Bachmann zutrifft. Und jeder, der glaubt, dass jedes Wort seine Bedeutung in Kombination mit anderen neu definieren kann, der ist bei Ingeborg Bachmann sicherlich gut aufgehoben.
Inhalt:
Ausfahrt / Abschied von England / Fall ab, Herz / Dunkles zu sagen / Paris / Die große Fracht / Reigen / Herbstmanöver / Die gestundete Zeit / Sterne im März / Im Zwielicht / Holz und Späne / Früher Mittag / Alle Tage / Einem Feldherrn / Botschaft / Die Brücken / Nachtflug / Psalm / Im Gewitter der Rosen / Salz und Blut / Große Landschaft bei Wien / Ein Monolog des Fürsten Myschkin zu der Ballettpantomime "Der Idiot" (Nach Dostojewski)