Dieses, Michael Ondaatjes erstes Buch ist nichts weniger als ein Roman mit einer linearen Handlungsführung und will gar keine Biographie sein. Wer sich über den historischen Billy The Kid ein Bild zu machen wünscht, ist mit diesem Buch also nicht gut bedient und greife lieber zu einer sachlichen Lebensdarstellung. Wer aber experimentelle, lyrische Literatur sucht, ist hier genau richtig.
Ondaatje geht es, sein neuestes Buch "Anils Geist" einmal (zumindest zum Teil) ausgenommen, nicht um einen schlichten Plot, er nähert sich den Menschen, die er beschreibt, auf seine Weise: er folgt ihnen nicht, er kreist sie ein, und in seinen Frühwerken tut er dies noch sprunghafter und unangepaßter als in seinen späteren, epischeren Büchern wie "In der Haut eines Löwen" und natürlich "Der englische Patient". Er spielt mit den Lesegewohnheiten des Publikums und fordert sie auf, aus den geschilderten Eindrücken und Szenen die Geschichte der Figuren selbst zusammenzufügen.
Der fließende Übergang von Dokumentation zu Fiktion, der unmittelbare Wechsel von Perspektiven und Zeitebenen, die auch jetzt noch für Ondaatjes Werk typisch sind, die scheinbar nebenbei und lapidar eingeworfenen, unscheinbaren Sätze, die letztlich den entscheidenden Schlüssel beinhalten, verhindern, daß man seine Bücher einfach so "herunterlesen" kann, und erschwert sicherlich vielen den Zugang zu seinen Werken. Läßt man sich aber auf diese Art des Erzählens ein und widmet ihm die nötige Zeit, wird man durch die brillanten Schilderungen und die wunderbare Sprache Ondaatjes mehr als belohnt.
Mehr noch als alle anderen Werke Ondaatjes ist "Billy The Kid" eine Collage aus literarischen Skizzen und Gedichten, aber auch aus Wiedergaben historischer Quellen, Fotos, Dokumentationen und (in diesem Falle auch) Trivialliteratur. Ondaatje versucht sich so dem Mythos des Wilden Westens und seiner Symbolfigur zu nähern und von allen Seiten zu betrachten. Daraus ergibt sich eine Reflexion über Sein und Schein, eine Komposition aus Wahrem, Möglichem und Legende.
Über das Leben Billy The Kides, wie gesagt, erfahren wir daraus nur einige Punkte, und sicherlich fehlt dem Buch letztlich die Geschlossenheit der Bücher Ondaatjes, die er vor seinen großen Romanen schrieb und die einer ähnlichen Konzeption folgen wie dieser Erstling, nämlich seine Meisterwerke "Buddy Boldens Blues" und "Es liegt in der Familie". Aber auch hier finden sich schon genug Szenen und Bilder, die man so schnell nicht vergißt, etwa die Beschreibungen von Pat Boone, die makabre Geschichte von dem Hundezüchter, die (bei allen Unterschieden) auch vom jungen Ian McEwan stammen könnte, oder eine ganze Reihe lyrischer Passagen.
Und allein dafür lohnt die Lektüre schon.