Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Die gerettete Zunge
OA 1977 Form Autobiografie Epoche Moderne
Einer für chaotisch und unerklärlich geltenden Wirklichkeit setzt Canetti mit seiner Autobiografie (Untertitel: Geschichte einer Jugend) die Integrität des auf seine Entwicklung zurückschauenden Individuums entgegen, das sich die Stationen seines Lebens im Akt des Schreibens zur selbstgewissen und bedeutungsvollen Einheit zu verknüpfen weiß.
Inhalt: Der erste Band der auf drei Bücher angelegten Autobiografie, Die gerettete Zunge, reicht bis zum 16. Lebensjahr Canettis. Geburts- und zugleich symbolischer Ausgangsort des Schriftstellers ist das bulgarische Rustschuk, ein multilingualer Schmelztiegel der Kulturen. Aus der Vielfalt der Sprachen die Familien waren ehemals aus Spanien eingewanderte sephardische Juden, die einen auch heute noch bestehenden eigenen Dialekt pflegen, die Eltern in Wien erzogen, Freunde kamen aus Russland, Hausangestellte aus Bulgarien, Armenien etc. wählte Canetti das Deutsche zur »Muttersprache« (die Mutter unterrichtete ihn in der Schweiz). Alle Erinnerungen, die Historisches nur gelegentlich berühren, sind auf den späteren Schriftsteller bezogen: neben der Entwicklung einer überreichen Fantasie, Bildungs- und Lektüreerfahrungen sind einzelne Ereignisse besonders herausgehoben, etwa der frühe Tod des Vaters und die damit verbundene Fixierung auf die Mutter. Mit den Bänden Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 192131, die im Titel auf den Einfluss von Karl Kraus (18741936) und dessen Zeitschrift Die Fackel hinweist, und Das Augenspiel. Lebensgeschichte 193137 (erschienen 1980 bzw. 1985) komplettiert Canetti die metaphorisch angedeutete Ausbildung der Sinne (Sprechen, Hören und Sehen) zu einem Credo dichterischer Subjektivität.
Aufbau: Die Einteilung des Textes folgt dem Wechsel der Aufenthaltsorte des Autors über Manchester, Wien und Zürich. Der Lebensweg beginnt mit der Drohung, der erst Zweijährige könne seine Zunge verlieren, wenn das Liebesverhältnis des Kindermädchens zu einem Unbekannten offenbar werde. Aus Angst hatte das Kind zehn Jahre geschwiegen und wird künftig darum bemüht sein, seine eigene, der äußeren Gefährdung trotzende Sprache zu finden. Hinter der Maske des Selbstbewusstseins verbirgt sich ein vom Sprachverlust und Ausschluss aus der symbolischen Welt der Worte bedrohtes Ich, das im Erzählen auch gegen den Tod ankämpft. Die selbst geschaffene Ordnung der Geschichten bewährt sich so wird es dem Kind aus der Perspektive des erwachsenen Autors unterstellt gegen das Unverstandene und Übermächtige.
Wirkung: Intensität erzeugt Canettis Autobiografie dort, wo sich der distanzierte Beobachter der intimen Sichtweise des sich seine Welt aneignenden und erst schaffenden Kindes nähert. Die gegenständliche, auf jede Psychologie und Selbstzweifel verzichtende Beschreibung einer Jugend ist die konsequente Überführung des Lebens in den Text, bei der die Berufung zum Schriftsteller den vorgegebenen Fluchtpunkt darstellt. C. Z. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Die gerettete Zunge
OA 1977 Form Autobiografie Epoche Moderne
Einer für chaotisch und unerklärlich geltenden Wirklichkeit setzt Canetti mit seiner Autobiografie (Untertitel: Geschichte einer Jugend) die Integrität des auf seine Entwicklung zurückschauenden Individuums entgegen, das sich die Stationen seines Lebens im Akt des Schreibens zur selbstgewissen und bedeutungsvollen Einheit zu verknüpfen weiß.
Inhalt: Der erste Band der auf drei Bücher angelegten Autobiografie, Die gerettete Zunge, reicht bis zum 16. Lebensjahr Canettis. Geburts- und zugleich symbolischer Ausgangsort des Schriftstellers ist das bulgarische Rustschuk, ein multilingualer Schmelztiegel der Kulturen. Aus der Vielfalt der Sprachen die Familien waren ehemals aus Spanien eingewanderte sephardische Juden, die einen auch heute noch bestehenden eigenen Dialekt pflegen, die Eltern in Wien erzogen, Freunde kamen aus Russland, Hausangestellte aus Bulgarien, Armenien etc. wählte Canetti das Deutsche zur »Muttersprache« (die Mutter unterrichtete ihn in der Schweiz). Alle Erinnerungen, die Historisches nur gelegentlich berühren, sind auf den späteren Schriftsteller bezogen: neben der Entwicklung einer überreichen Fantasie, Bildungs- und Lektüreerfahrungen sind einzelne Ereignisse besonders herausgehoben, etwa der frühe Tod des Vaters und die damit verbundene Fixierung auf die Mutter. Mit den Bänden Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 192131, die im Titel auf den Einfluss von Karl Kraus (18741936) und dessen Zeitschrift Die Fackel hinweist, und Das Augenspiel. Lebensgeschichte 193137 (erschienen 1980 bzw. 1985) komplettiert Canetti die metaphorisch angedeutete Ausbildung der Sinne (Sprechen, Hören und Sehen) zu einem Credo dichterischer Subjektivität.
Aufbau: Die Einteilung des Textes folgt dem Wechsel der Aufenthaltsorte des Autors über Manchester, Wien und Zürich. Der Lebensweg beginnt mit der Drohung, der erst Zweijährige könne seine Zunge verlieren, wenn das Liebesverhältnis des Kindermädchens zu einem Unbekannten offenbar werde. Aus Angst hatte das Kind zehn Jahre geschwiegen und wird künftig darum bemüht sein, seine eigene, der äußeren Gefährdung trotzende Sprache zu finden. Hinter der Maske des Selbstbewusstseins verbirgt sich ein vom Sprachverlust und Ausschluss aus der symbolischen Welt der Worte bedrohtes Ich, das im Erzählen auch gegen den Tod ankämpft. Die selbst geschaffene Ordnung der Geschichten bewährt sich so wird es dem Kind aus der Perspektive des erwachsenen Autors unterstellt gegen das Unverstandene und Übermächtige.
Wirkung: Intensität erzeugt Canettis Autobiografie dort, wo sich der distanzierte Beobachter der intimen Sichtweise des sich seine Welt aneignenden und erst schaffenden Kindes nähert. Die gegenständliche, auf jede Psychologie und Selbstzweifel verzichtende Beschreibung einer Jugend ist die konsequente Überführung des Lebens in den Text, bei der die Berufung zum Schriftsteller den vorgegebenen Fluchtpunkt darstellt. C. Z. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Kurzbeschreibung
Elia Canett Die gerettete Zunge erzählt die "Geschichte einer Jugend" und ist der Auftaktband zu seiner Autobiographie, die er mit Die Fackel im Ohr und Das Augenspiel fortsetzte, ein einmaliges Panorama vom Beginn des 20. Jahrhunderts entwerfend.
Seine frühe Kindheit verbringt Canetti in der kleinen, in seiner Farbigkeit fast orientalisch anmutenden bulgarischen Stadt Rustschuk im Ghetto der spaniolischen Juden. Die ersten Schuljahre sind an das Kaufmannsmilleu von Manchester geknüpft, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebt er im kaiserlichen Wien, die Kriegs- und Nachkriegsjahre im friedlichen Zürich. Die "Geschichte einer Jugend" endet mit der Übersiedlung der Familie von Zürich nach Frankfurt. Canetti erzählt von einer glücklichen Kindheit, in der es Liebe und Eifersucht, Egoismus, Stolz, Zärtlichkeit und Todesfurcht gab und nicht zuletzt das kulturelle Interesse eines Elternhauses, in dem vor allem die Mutter dem Kind schon früh den Weg in die Literatur wies.
Seine frühe Kindheit verbringt Canetti in der kleinen, in seiner Farbigkeit fast orientalisch anmutenden bulgarischen Stadt Rustschuk im Ghetto der spaniolischen Juden. Die ersten Schuljahre sind an das Kaufmannsmilleu von Manchester geknüpft, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebt er im kaiserlichen Wien, die Kriegs- und Nachkriegsjahre im friedlichen Zürich. Die "Geschichte einer Jugend" endet mit der Übersiedlung der Familie von Zürich nach Frankfurt. Canetti erzählt von einer glücklichen Kindheit, in der es Liebe und Eifersucht, Egoismus, Stolz, Zärtlichkeit und Todesfurcht gab und nicht zuletzt das kulturelle Interesse eines Elternhauses, in dem vor allem die Mutter dem Kind schon früh den Weg in die Literatur wies.
Der Verlag über das Buch
In diesem Band erzählt Canetti die Geschichte seiner Kindheit in Bulgarien, in England, Österreich und in der Schweiz und erforscht mit unerbittlicher Konsequenz die Herkunft und die Voraussetzungen seiner menschlichen und geistigen Existenz. Ohne jede Abschweifung ins Atmosphärische oder Anekdotische und mit den klarsten sprachlichen Mitteln versichert sich Canetti seines eigenen Werdegangs.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
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Über den Autor
Elias Canetti, 1905 im bulgarischen Rustschuk geboren, entstammt einem sephardischen Elternhaus. Von 1911 bis 1913 lebte er in Manchester, danach in Wien, Zürich und Frankfurt am Main. In Wien studierte er Chemie, seinen literarischen Neigungen folgend besuchte er in dieser Zeit regelmäßig die Vorlesungen von Karl Kraus. Canetti ist als Romancier, Essayist, Dramatiker, Aphoristiker und theoretischer Denker bekannt geworden. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, u.a. den Georg-Büchner-Preis (1972) und den Nelly-Sachs-Preis (1975), 1981 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Elias Canetti starb im August 1994 in Zürich. Im Fischer Taschenbuch Verlag liegen seine gesammelten Werke vor, darunter auch seine autobiographischen Schriften »Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend«, »Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931« und »Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937« sowie der Roman »Die Blendung« und die Abhandlung »Masse und Macht«.
Auszug aus Werke, 10 Bde. von Elias Canetti. Copyright © 1997. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Drei Dinge sind es, die den menschlichen Geist heute vor allem beschäftigen. Das erste ist unser Erbe. Ein Mensch, der von nichts weiß und die Augen öffnet, sieht eine Welt, die voll ist von gegebenen Gegenständen und Traditionen. Sie alle haben für eine Reihe von Menschen eine Bedeutung; ohne sie könnten diese Menschen nicht leben. Es gibt in dieser Welt alte Städte und Kathedralen, Landschaften und Familien, Pflanzen, die der Mensch seit Ewigkeiten kultiviert, Tiere, die es gewohnt sind, mit ihm zusammenzuleben, Hochzeitsbräuche und Begräbnisse, uralte Werkzeuge und Trachten, Glaubenssätze, Namen, schöne Melodien und Geschichten. Dies alles als Ganzes zu erleben, im Laufe eines einzigen Lebens, darin ein zusammenhängendes Muster zu erkennen, das mit Bedeutung gefüllt ist statt mit verwirrenden Widersprüchen, ihm eine Einheit zu geben, nicht durch Verwerfung und Ausschluß, sondern indem man lernt, wie man es aufnehmen, wie man dafür Platz schaffen kann - das ist wahrlich eine notwendige und dabei sehr schwierige Aufgabe. Um dies zu erreichen, kann es nicht genügen, sich bloß umzusehen und die Dinge auf die übliche rationale Art kennenzulernen. Es gibt zuviel kennenzulernen und zu sehen. Die spezialisierte, systematische Beschäftigung mit der Vergangenheit, die Wissenschaft der Geologie, der Archäologie, der Geschichte oder das vergleichende Studium der Mythologien und Religionen - sie alle sind in sich zu eng definiert. Sie nehmen einen einzelnen Gegenstand aus seiner komplexen, lebendigen Umgebung heraus, isolieren ihn, multiplizieren ihn, vergleichen ihn mit anderen. Sie machen zweifellos Entdeckungen und kommen zu wichtigen Schlüssen, niemand könnte es sich träumen lassen, ohne sie auszukommen, aber sie haben keinen Weg gefunden, sich mit der Vergangenheit als Ganzem zu befassen. Was sie untersuchen, erscheint alles in einem gleich grellen Licht. Ein simples, auf Wiederholung gründendes numerisches System von Jahren soll vermitteln, was nicht gefühlt werden kann. Durch den Hang zur Objektivität wird alles seines wesentlichsten Inhaltes beraubt. - Es ist die subjektive Erinnerung des einzelnen, die uns ein angemesseneres Verfahren zeigt. Lerne alles kennen, was deine individuelle Erinnerung dir geben kann, laß sie sich erst anfüllen und dann erforsche sie und brauch sie auf; schaffe so etwas wie eine Wissenschaft deiner eigenen Erinnerung, und du wirst ein intellektueller Meister der Vergangenheit werden. Dies ist, kurz gesagt, das, was Marcel Proust getan hat.
Das zweite, was die Menschen beschäftigt, ist dieser Augenblick in unserm eigenen Leben, unsere eigene Zeit sozusagen - unsere eigene Zeit, losgelöst von allen anderen Zeiten. Nichts kann Ihnen eine bessere Vorstellung davon geben, was hier gemeint ist, als ein Spaziergang durch die geschäftigen Straßen einer modernen Stadt. Dieses Chaos von widerstreitenden Tendenzen und Beschäftigungen, Zielen und Aktivitäten, Stimmen und Schweigen, Triumphen, Klagen, Niederlagen; die Farbigkeit und Doppeldeutigkeit des Ganzen; seine Unbekümmertheit gegenüber der Vergangenheit; der Eindruck, daß alles auf einmal geschieht, eine Simultaneität, als ob nichts davor oder danach von Bedeutung wäre; wie klein und zerrissen die Dinge und Ereignisse wirken, während doch in allen so viel Energie steckt; wie alles sich seinen Weg bahnt, in die eine oder andere bestimmte Richtung, mit einem winzigen eigenen Willen und Widerstand gegen alles andere - das ist der tierische Aspekt unserer modernen Welt, ein Leben, das in sich selbst besteht, ohne eine Vergangenheit und eine Zukunft, der schnelle und immer mehr anschwellende Fluß der Gegenwart. James Joyce hat eine Methode entwickelt, sich damit zu befassen. Er hat den Fluß der Gegenwart in der gegebenen Einheit einer Stadt, Dublin, und innerhalb eines bestimmten Tages, dem 16. Juni 1904, eingefangen.
Das dritte, was die Menschen beschäftigt, das Furchterregendste von den dreien, ist das, was kommen wird. Nichts ist hier gegeben, nichts bekannt. Es liegen keine Gegenstände herum, von denen man mit Gewißheit sagen kann, sie würden die Zukunft bilden. Diese Kathedrale hier, mit ihren achthundert Jahren, kann heute Nacht zu Staub zerfallen, und der morgige Tag wird sie nicht mehr sehen. Diese Stadt hier, die vor Leben überquillt, könnte in der nächsten Viertelstunde in sich zusammenstürzen, und die kommende Nacht müßte ohne sie auskommen. Alle Zerstörungen gehören der Zukunft an, so wie alle Überreste der Vergangenheit angehören. Es gibt keine Angst, die nicht wahr werden könnte; jede Äußerung kann in gewisser Hinsicht als prophetisch gelten. Hundert verschiedene Zukünfte sind möglich, tausend, wer immer sich mit der Zukunft beschäftigt, hat sie alle im Kopf, eine schreckliche Last. Zweifel und Sorge um das Kommende sind untrennbar miteinander verbunden. Angst ist der Vorbote der Zukunft. Von allen modernen Schriftstellern ist Kafka der einzige, der die Zukunften, wenn man so sagen kann, in seinen zitternden Gliedern spürt. Er versucht nicht, sie loszuwerden. Er arbeitet sie geduldig aus, einmal auf diese Art, einmal auf die andere. Sein Mut scheint gewaltig zu sein, und sein Mut bringt ihn um. Während die Völker Europas gehorsam ihren Ersten Weltkrieg führen, schlägt er standhaft seine scheinbar privaten Schlachten mit der Zukunft. Er merkt nicht einmal, wie mutig er ist. Da er es nicht versteht, sich seinen Weg durch die geschäftigen Straßen der Gegenwart zu bahnen, gelangt er zu einer ziemlich schlechten Meinung von sich. Er kann nicht mit den Fäusten kämpfen, er ist kein Boxer; er kann nicht mit Worten schmeicheln, er ist kein geselliger Mensch. Als kleiner Angestellter bei einer Versicherung trug er die Last von jedermanns Zukunft. Kafkas Werke sind wie Pläne und Blaupausen, aber nicht von Häusern und Fabriken, auch nicht von Schlachten, es sind die Pläne von individuellen und unbekannten Ereignissen. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Das zweite, was die Menschen beschäftigt, ist dieser Augenblick in unserm eigenen Leben, unsere eigene Zeit sozusagen - unsere eigene Zeit, losgelöst von allen anderen Zeiten. Nichts kann Ihnen eine bessere Vorstellung davon geben, was hier gemeint ist, als ein Spaziergang durch die geschäftigen Straßen einer modernen Stadt. Dieses Chaos von widerstreitenden Tendenzen und Beschäftigungen, Zielen und Aktivitäten, Stimmen und Schweigen, Triumphen, Klagen, Niederlagen; die Farbigkeit und Doppeldeutigkeit des Ganzen; seine Unbekümmertheit gegenüber der Vergangenheit; der Eindruck, daß alles auf einmal geschieht, eine Simultaneität, als ob nichts davor oder danach von Bedeutung wäre; wie klein und zerrissen die Dinge und Ereignisse wirken, während doch in allen so viel Energie steckt; wie alles sich seinen Weg bahnt, in die eine oder andere bestimmte Richtung, mit einem winzigen eigenen Willen und Widerstand gegen alles andere - das ist der tierische Aspekt unserer modernen Welt, ein Leben, das in sich selbst besteht, ohne eine Vergangenheit und eine Zukunft, der schnelle und immer mehr anschwellende Fluß der Gegenwart. James Joyce hat eine Methode entwickelt, sich damit zu befassen. Er hat den Fluß der Gegenwart in der gegebenen Einheit einer Stadt, Dublin, und innerhalb eines bestimmten Tages, dem 16. Juni 1904, eingefangen.
Das dritte, was die Menschen beschäftigt, das Furchterregendste von den dreien, ist das, was kommen wird. Nichts ist hier gegeben, nichts bekannt. Es liegen keine Gegenstände herum, von denen man mit Gewißheit sagen kann, sie würden die Zukunft bilden. Diese Kathedrale hier, mit ihren achthundert Jahren, kann heute Nacht zu Staub zerfallen, und der morgige Tag wird sie nicht mehr sehen. Diese Stadt hier, die vor Leben überquillt, könnte in der nächsten Viertelstunde in sich zusammenstürzen, und die kommende Nacht müßte ohne sie auskommen. Alle Zerstörungen gehören der Zukunft an, so wie alle Überreste der Vergangenheit angehören. Es gibt keine Angst, die nicht wahr werden könnte; jede Äußerung kann in gewisser Hinsicht als prophetisch gelten. Hundert verschiedene Zukünfte sind möglich, tausend, wer immer sich mit der Zukunft beschäftigt, hat sie alle im Kopf, eine schreckliche Last. Zweifel und Sorge um das Kommende sind untrennbar miteinander verbunden. Angst ist der Vorbote der Zukunft. Von allen modernen Schriftstellern ist Kafka der einzige, der die Zukunften, wenn man so sagen kann, in seinen zitternden Gliedern spürt. Er versucht nicht, sie loszuwerden. Er arbeitet sie geduldig aus, einmal auf diese Art, einmal auf die andere. Sein Mut scheint gewaltig zu sein, und sein Mut bringt ihn um. Während die Völker Europas gehorsam ihren Ersten Weltkrieg führen, schlägt er standhaft seine scheinbar privaten Schlachten mit der Zukunft. Er merkt nicht einmal, wie mutig er ist. Da er es nicht versteht, sich seinen Weg durch die geschäftigen Straßen der Gegenwart zu bahnen, gelangt er zu einer ziemlich schlechten Meinung von sich. Er kann nicht mit den Fäusten kämpfen, er ist kein Boxer; er kann nicht mit Worten schmeicheln, er ist kein geselliger Mensch. Als kleiner Angestellter bei einer Versicherung trug er die Last von jedermanns Zukunft. Kafkas Werke sind wie Pläne und Blaupausen, aber nicht von Häusern und Fabriken, auch nicht von Schlachten, es sind die Pläne von individuellen und unbekannten Ereignissen. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .