"Die gerettete Zunge" ist der erste Teil von Canettis dreibändiger Autobiographie; hier berichtet er von seiner Jugend: Von den ersten Jahren im bulgarischen Rustschuk (Ruse), und von den späteren Stationen Manchester, Wien und Zürich. Der Roman ist nach diesen Stationen gegliedert und endet mit der Übersiedlung der Familie nach Frankfurt Anfang der 1920er Jahre.
Im Gegensatz zu vielen Autobiographien hat Canetti tatsächlich Bemerkenswertes zu erzählen: Er stammte aus einer angesehenen Spaniolen-Familie, und dementsprechend beeindruckend liest sich der erste Abschnitt über die Kindheit in Rustschuk am Schwarzen Meer, einer Stadt, in der man davon sprach, "nach Europa" zu reisen, wenn man z.B. nach Wien fuhr. Canetti wuchs in einer Welt auf, die geprägt war von einem Völkergemisch, wie es zu dieser Zeit für Mitteleuropa und die Schwarzmeerregion charakteristisch war und die man heute nur noch aus Erzählungen (wie z.B. der vorliegenden) kennenlernen kann.
In den nächsten Kapiteln geht es um ein relativ kurzes Zwischenspiel in Manchester, wohin die Familie ca. 1912 übergesiedelt war, um Canettis Erinnerungen an seinen Vater, der dort jung verstarb; hier finden sich einige der stärksten Passagen des Romans. In den weiteren Kapiteln erfährt man, wie Canetti, der nach der brachialen Lehrmethode seiner Mutter in kürzester Zeit Deutsch gelernt hatte, Kriegs- und Nachkriegszeit in Wien und Zürich erlebte, und auch hier tritt das kaleidospopartige Erleben in den Vordergrund, immer wieder findet man eindrückliche Momentaufnahmen von Szenen, die einem im Gedächtnis bleiben.
Bereits im ersten Kapitel fällt auf, dass Canetti hier nicht versucht, die Weltsicht des Kindes wiederzugeben; der gesamte Roman verlässt fast nie die Perspektive des Erwachsenen, der die eigene Kindheit und Jugend sichtet und hier die Grundlagen für sein späteres Schaffen herausarbeitet. Charakteristisch ist auch, dass Canetti nahezu konsequent auf eine psychologisch motivierte Suche nach Ursachen und Zusammenhängen verzichtet, dass er statt dessen die Epoche in vielen zusammenhängenden Einzelbildern darstellt und i.d.R. dem Leser das Zusammenfügen überlässt -- ein Verfahren, das man eigentlich eher aus dem Kino der 1920er und frühen 30er Jahre kennt (Man denke z.B. an Eisensteins Montagen). Man muss sich also erst hineinfinden in diesen Roman, auch wenn er chronologisch und "eigentlich" ganz konventionell aufgebaut ist. Canetti bietet außerdem auch keine Sympathieträger im traditonellen Sinne an.
Bei der "Geretteten Zunge" handelt es sich um eine Autobiographie der besonderen Art, die mit der gegenwärig üblichen Nabelschau von Leuten, die nichts zu erzählen haben (und das auch gar nicht könnten), nichts gemeinsam hat. Ob diese Autobiographie tatsächlich Hinweise auf die Interpretation von Canettis Hauptwerk gibt, wage ich zu bezweifeln, aber das ist schließlich auch nicht der Sinn und Zweck von Autobiographien.
Vor allem geht es hier darum, wie der Autor sich selber sieht, was er von sich preisgeben will, und da es sich um einen bemerkenswerten Autor handelt, der in einer alles andere als eintönigen Zeit heranwuchs, ist "Die gerettete Zunge" eine äußerst empfehlenswerte "zweckfreie" Lektüre.