Neue Zürcher Zeitung
Restitution oder Abfindung? Die Kunstsammlerin Sophie Lissitzky-Küppers
Was die akademische Forschung zur Aufdeckung von Kunstraubfällen bisher beigetragen hat, ist eher bescheiden und liegt in der Regel hinter den bestehenden Erwartungen. Pionierleistungen kommen in diesem Bereich von spezialisierten Institutionen wie dem «art loss register», von einzelnen Kunstfahndern und nicht zuletzt von den Medien. Die historische Zunft kann zu einmal aufgespürten Fällen vielleicht mit Expertisen aufwarten, kann einordnen und auf Grund der Akten zu den verschiedenen Rechtshändeln allenfalls eine kohärente Darstellung der Gesamtverhältnisse geben. Die hier anzuzeigende Publikation nimmt in der Literatur zur Kunstraubproblematik eine Sonderstellung ein: Das über weite Passagen als Roman daherkommende Buch schildert das «abenteuerliche» Leben der Kunstsammlerin Sophie Küppers und das noch wechselreichere Schicksal ihrer Kunstsammlung und insbesondere den Lebenslauf des «wichtigsten Werkes» dieser Sammlung: nämlich Kandinskys «Improvisation Nr. 10», um das in den neunziger Jahren ein heftiger Streit entbrannt ist. Der Wert der Publikation liegt nicht in der eher schwachen literarischen Qualität, sondern in der Vereinigung der verschiedenen, aber zumeist allgemeinen Fakten und in den eingestreuten Texten mit Quellencharakter: vor allem den ausführlichen Äusserungen des Sohns der Sammlerin, Jen Lissitzky, und des Kunstfahnders Clemens Toussaint. Das Buch ist in seiner Gesamtheit ein Dokument, es kommt ihm oder kam ihm die Aufgabe zu, die Ansprüche des Klägers nicht nur gegenüber dem jetzigen Besitzer Ernst Beyeler, sondern auch gegenüber den ebenfalls erbberechtigten Mitverwandten zu markieren. Die bisher nicht als Spezialistin der erörterten Fragen aufgefallene Autorin widmet Toussaint ein ganzes Kapitel und lässt ihn dort auch mit der Bemerkung zu Wort kommen, dass sich viele seiner Klienten zu schnell mit einem finanziellen Ausgleich zufrieden gäben. Er bewundere Jen Lissitzky, weil dieser den Weg bis zum Ziel gehen wolle; dies sei auch sein Weg. Inzwischen wurde aber bekannt (NZZ vom 8. 7. 02), dass Lissitzky seinen Restitutionsanspruch auf das Bild mit einem geschätzten Wert von mindestens 30 Millionen Franken aufgegeben und nun doch einer mit den anderen Erbberechtigten zu teilenden Abfindungszahlung in unbekannter Höhe zugestimmt habe. Georg Kreis
Was die akademische Forschung zur Aufdeckung von Kunstraubfällen bisher beigetragen hat, ist eher bescheiden und liegt in der Regel hinter den bestehenden Erwartungen. Pionierleistungen kommen in diesem Bereich von spezialisierten Institutionen wie dem «art loss register», von einzelnen Kunstfahndern und nicht zuletzt von den Medien. Die historische Zunft kann zu einmal aufgespürten Fällen vielleicht mit Expertisen aufwarten, kann einordnen und auf Grund der Akten zu den verschiedenen Rechtshändeln allenfalls eine kohärente Darstellung der Gesamtverhältnisse geben. Die hier anzuzeigende Publikation nimmt in der Literatur zur Kunstraubproblematik eine Sonderstellung ein: Das über weite Passagen als Roman daherkommende Buch schildert das «abenteuerliche» Leben der Kunstsammlerin Sophie Küppers und das noch wechselreichere Schicksal ihrer Kunstsammlung und insbesondere den Lebenslauf des «wichtigsten Werkes» dieser Sammlung: nämlich Kandinskys «Improvisation Nr. 10», um das in den neunziger Jahren ein heftiger Streit entbrannt ist. Der Wert der Publikation liegt nicht in der eher schwachen literarischen Qualität, sondern in der Vereinigung der verschiedenen, aber zumeist allgemeinen Fakten und in den eingestreuten Texten mit Quellencharakter: vor allem den ausführlichen Äusserungen des Sohns der Sammlerin, Jen Lissitzky, und des Kunstfahnders Clemens Toussaint. Das Buch ist in seiner Gesamtheit ein Dokument, es kommt ihm oder kam ihm die Aufgabe zu, die Ansprüche des Klägers nicht nur gegenüber dem jetzigen Besitzer Ernst Beyeler, sondern auch gegenüber den ebenfalls erbberechtigten Mitverwandten zu markieren. Die bisher nicht als Spezialistin der erörterten Fragen aufgefallene Autorin widmet Toussaint ein ganzes Kapitel und lässt ihn dort auch mit der Bemerkung zu Wort kommen, dass sich viele seiner Klienten zu schnell mit einem finanziellen Ausgleich zufrieden gäben. Er bewundere Jen Lissitzky, weil dieser den Weg bis zum Ziel gehen wolle; dies sei auch sein Weg. Inzwischen wurde aber bekannt (NZZ vom 8. 7. 02), dass Lissitzky seinen Restitutionsanspruch auf das Bild mit einem geschätzten Wert von mindestens 30 Millionen Franken aufgegeben und nun doch einer mit den anderen Erbberechtigten zu teilenden Abfindungszahlung in unbekannter Höhe zugestimmt habe. Georg Kreis
Kurzbeschreibung
Weit spannt sich der Bogen vom Jahr 1891, als in Kiel die Arzttochter Sophie Schneider zur Welt kommt, bis zum Jahr 2001, als sich um das wichtigste Werk ihrer Kunstsammlung, Wassily Kandinskys "Improvisation Nr. 10", der spektakulärste Raubkunststreit Europas entzündet. Bei den ausgelassenen Festen in Sophies Salon in Hannover tanzen sie ihren Tanz auf dem Vulkan: Kurt Schwitters, Hans Arp, Otto Dix, Fernand Léger, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch, Piet Mondrian und viele andere Künstler, die später zu Weltruhm gelangen. Nach dem Tod ihres ersten Mannes Paul Küppers begegnet die junge Kunsthistorikerin, Mutter zweier kleiner Söhne, dem russischen Künstler El Lissitzky. Er wird die große tragische Liebe ihres Lebens. Sie folgt ihm nach Moskau, wo sie 1927 heiraten. Ihre private Kunstsammlung mit Werken von Kandinsky, Klee, Grosz, Mondrian, Léger und anderen hat sie als Leihgabe dem Provinzialmuseum in Hannover anvertraut. Sophie wird sowjetische Staatsbürgerin, 1930 kommt ihr Sohn Jen zur Welt. El Lissitzky, an Tuberkulose erkrankt, stirbt 1941. Da ist seine zukunftsweisende Kunst unter dem Terrorregime Stalins längst nicht mehr gefragt. Nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion wird Sophie mit ihrem jüngsten Sohn nach Sibirien verbannt. Ein Leben in unvorstellbarer Armut kann diese starke Frau nicht beugen. Dass ihre Kunstsammlung 1937 vom Bildersturm der Nazis hinweg gefegt wird, dass ihre geliebten Bilder verschollen und verscherbelt sind, erfährt sie erst viele Jahre später. Doch sie glaubt an die Macht der Gerechtigkeit. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1978 gibt sie ihrem Sohn Jen eine handgeschriebene Liste. Es ist ihr Vermächtnis. Er wird die geraubten Bilder suchen und finden...
Der Verlag über das Buch
Eine außergewöhnliche Frau und ihre kostbare Bildersammlung - eine Geschichte von Liebe und Leid, von Raub und Betrug
Autorenportrait
Ingeborg Prior, geboren 1939, Journalistin und Buchautorin, lebt und arbeitet seit 1960 in Köln.