Samuel Pepys (ausgesprochen ,pips`) lebte von 1633 bis 1703 in London. Er wuchs als ältestes der vier überlebenden (von insgesamt 11) Kinder des Schneiders John Pepys in einfachen Verhältnissen auf. Gefördert durch einflußreiche Verwandte brachte er es dennoch zu einer beachtlichen Karriere im englischen Staatsapparat. So wurde er Staatssekretät im Marineamt, Präsident der Royal Society und Abgeordneter des englischen Unterhauses. Das allein wäre nicht so aufregend, wenn er der Nachwelt nicht ein in Geheimschrift verfaßtes, zu Lebzeiten stets unter Verschluß gehaltenes Tagebuch hinterlassen hätte. Seine 3100 Seiten langen, in sechs schweinslederne Journale gebundenen Aufzeichnungen hatte Pepys der Universität Cambridge zusammen mit seiner 3000 Bände umfassenden Bibliothek vermacht. Sie wurden 1818 entdeckt und erstmals 1825 durch den Theologiestudenten Johnathan Smith entziffert.
Die Tagebücher enthüllen eine lebendig geschriebene Autobiographie der Jahre 1659 bis 1669 und gewähren vielfältige Einblicke in privates, höfisches und politisches Leben, Literatur, Musik, Theater, Festlichkeiten und Zeitereignisse. Pepys berichtet über Katastrophen wie die Pestepidemie von 1665 und die Feuersbrunst von 1666, streift politische Ereignisse wie den 2. englisch-holländischen Krieg von 1665 bis 1667. Auch privat legt er über alles Rechenschaft ab - über seine Geschäftsmethoden im Marineamt, seine Ausschweifungen in düsteren Kneipen und fremden Betten, seine Ehezwistigkeiten, seine Erniedrigungen und Selbstzweifel, seine Speisezettel, Krankheiten und Verdauungsstörungen. Vom Autoren zeichnet sich das Bild eines klugen und allseitig interessierten Schöngeists, aber auch eines Frauenjägers der dreistesten Art und wetterwendischen Opportunisten ab. Es entstand ein einzigartiges Dokument, in dem sich zeitgeschichtliches Material, private Bemerkungen und absonderliche Ideen auf abenteuerliche, faszinierende und auch hochkomische Art vermischen. Nichtzuletzt auf Grund ihrer schonungslosen Ehrlichkeit haben die Tagebücher hohen kulturhistorischen und literarischen Wert.
Das große Interesse der englischen Leserschaft ließ Henry Benjamin Wheatley Ende des 19. Jahrhunderts eine Standardausgabe des gesamten Werks in 10 Bänden herausgeben. Die heute maßgebliche Ausgabe ist die Latham & Matthews Edition. Sie wurde zwischen 1970 und 1983 herausgegeben und umfaßt 11 Bände (inklusive Begleitband und Registerband). In deutscher Übersetzung ist das Tagebuch massiv gekürzt seit 1980 bei Reclam, Eichborn und dem Insel - Verlag in verschiedene Ausgaben erschienen. Der Wunsch, der deutschsprachigen Leserschaft einen neuen volksnäheren Blickwinkel auf Samuel Pepys vorzustellen und seinen szenischen Witz pointiert durch Cartoons zu begleiten, führte im Mai 2004 zur Herausgabe einer 416 seitigen illustrierten Ausgabe der ,Geheimen Tagebücher`. Gemeinsame Herausgeber sind der leider im Juni 2003 verstorbene berühmte Jazzgitarrist (spielte u.a. im United Jazz & Rock Ensemble mit) und Cartoonist Volker Kriegel sowie der bekannte Autor und Literaturkritiker Roger Willemsen.
Roger Willemsens naturgemäß subjektive Auswahl hieraus wiederum hat der schweizerische Verlag Kein & Aber Records 2005 in das vorliegende aus 2 CDs bestehende Hörbuch umgesetzt. Daß die Auswahl aus einer Auswahl auf Kosten der Vollständigkeit geht, liegt auf der Hand. Die bereits in der Buchausgabe massiv gekürzten 10 Jahre pralles Londoner Leben schrumpfen beim Hörbuch nun weiter auf eine 2 - stündige Audioversion. Die Auslese konzentriert sich auf das Alltagsleben, die Pest im Jahre 1665, den Brand Londons von 1666 und Pepys wechselhaftes Liebesleben. Auch wenn Roger Willemsen als Sprecher nicht an Rufus Beck heranreicht, hat er die Tagebuchauswahl sehr einfühlsam und ordentlich eingelesen. Lediglich bei den von ihm engagiert vorgetragenen erotischen Passagen, die Pepys über seine ja schon nicht verständliche Kurzschrift hinaus in einer Art Geheimsprache mit französischen, italienischen und spanischen Worten zusätzlich zu verschleiern trachtete, hätte man Willemsen gerne noch einen Kurzkurs in richtiger spanischer Aussprache gegönnt. Den gleichwohl positiven Gesamteindruck des Hörbuches runden ein überaus instruktives 27 - seitiges von Roger Willemsen verfaßtes Booklet und lustige Zeichnungen von Volker Kriegel, Hans Traxler und F. K. Waechter ab.
Fazit: Ein amüsantes, mitunter deftiges, in jedem Falle aber lehrreiches Hörbuch eines Autoren Mitte des 17. Jahrhunderts, der Hörer/Hörerin nicht nur am Zeitgeschehen, sondern offen an all seinen menschlichen Schwächen teilhaben läßt. Wem die zwei Hörstunden nicht genug sind, mag sie als Vorgeschmack der Lektüre umfangreicherer Tagebuchteile genießen.