Mit dem Berliner Titel setzt die DVA ihre Reihe "Die geheimen Gärten von..." fort. Ein Titel, der viele Erwartungen weckt. Ich fragte mich anfänglich: ist es nicht ein auf vermeintliche Entdeckung abzielender Buchtitel, der mir Altbekanntes neu verpackt verkaufen will? Aber mitnichten! Es gibt tatsächlich Neues aus Berlin zu vermelden.
Die Aufmachung des Buchs ist solide, obwohl es nicht mehr wie früher bei Büchern dieser Art in Leinen gebunden ist. Das ist schade, passt aber wiederum: es kommt zwar als Coffeetable-Book daher, ist aber nicht nur zum Durchblättern, sondern ein richtiges Gartenbuch! Eins zum Anschauen, Bewundern, Verweilen, Notizen machen und- gegen den Trend- zum Arbeiten!
Der Autor ist laut Info in Berlin tätiger Landschaftsarchitekt, der sein Sujet offensichtlich kennt. Er hat viele Gärten erkundet und erstmals für die Allgemeinheit beschrieben. Von Gayl porträtiert über 20 private Gärten und fasst Anlagen gleichen Charakters respektive Lage in Kapiteln wie "Historische Gärten" oder "Refugien in der Stadt" zusammen. Jedes Porträt bedarf mehrerer Seiten, auf denen alle Aspekte des Gartens behandelt werden: die Geschichte des Geländes, ggf. der historische Bezug, die kleinklimatischen und geographischen Gegebenheiten, die baulichen Besonderheiten und selbstverständlich die Bepflanzung werden kenntnisreich (und botanisch korrekt) beschrieben- leider muss man heutzutage die richtige Nomenklatur betonen. Hinter den Gärten stehen immer Personen und Persönlichkeiten, deren Wirken v. Gayl in seine Texte einfließen lässt. Eine weitere Stärke des Buchs: die hervorragenden Fotografien von Christa Brand! Sie fängt sowohl in der Totalen als auch im Detail den jeweils besonderen Charakters der Gärten ein. Wir finden eine ausgewogene Mischung aus "Stimmungsbildern" mit liebreizenden Kompositionen und dazu kontrastierend den weiten Blick, der ohne Chichi die Anlage offenlegt. Okay, das kennt man auch von anderen Gartenbüchern, aber was macht nun die tiefere Qualität des Werks aus?
Von Gayl verliert sich nicht im Ästhetisieren, sondern blickt fundiert auf 100 Jahre Gartenkultur in Berlin zurück, die sich in den Gärten widerspiegelt. Er zeichnet den Weg nach, der zum Status Quo führt. Und dieser Weg ist meistens mühsam. Im Gegensatz zum Zeitgeist betont er die in der Attraktivität liegende Arbeit. Der märkische Sand z.B. ist nicht die Magdeburger Börde.
Die Fotos sind äußerst ansprechend und durchweg von hoher Qualität, aber auch ehrlich: eine Gesamtaufnahme zeigt eine akkurat getrimmte Reihe Einfassungsbuchs, in der 2 Pflanzen im Hintergrund braun sind. Es wird kein Photoshop bemüht, sondern der Hinweis auf das Imperfekte zugelassen, das jedem Garten, auch dem gelungenen, innewohnt. Jeder Gärtner wird misstrauisch, wenn ihm perfekte Paradiese vorgegaukelt werden.
Ich kann lauwarme Gartenprosa und retuschierte Gartenbilder nicht ausstehen, deshalb freue ich mich über dieses inspirierende Buch, das ich mit Genuss und Gewinn gelesen habe.
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