Es ist eine Freude, dieses prächtige Buch in der Hand zu haben. Wieso die Gärten geheim sind, will mir allerdings nicht so recht einleuchten. Hier liegt vermutlich ein Übersetzungsfehler vor. Es sollte wohl "verborgene Gärten" heißen. Daß der gleiche "Fehler" jedoch mindestens drei mal passierte (Vittorio Fagone, Teodora Sammartini, Christiana Moldi-Ravenna, Gianni Berengo (Fotos): Die geheimen Gärten Venedigs. Aus dem Ital. v. Ulrich Keyl. München 1995 und Willi Jung übersetzt Filippo de Pisis Gedicht Giardino secreto mit "Geheimer Garten" (in: Poetischer Venedig-Führer. Italienisch und deutsch. Zusammengestellt, eingeleitet und mit Kommentaren versehen von Willi Jung. Darmstadt 2003, S. 156-157)), verunsichert mich dann freilich doch. Frédéric Vitoux beantwortet die Frage, "Warum geheim?", so: "Weil die Venezianer sie (die Gärten) wie ihren Augapfel hüten, weil sie in ihnen einen unschätzbaren Wert sehen und sie lieber in aller Diskretion genießen, als mit Ihnen zu protzen" (Venedig. Leben und Wohnen in der Lagunenstadt. Köln 1991, S. 130).
Wenn ich aber in das Buch reinschaue, bin ich nicht verwirrt, sondern einfach nur entzückt. Das ist Gartenpoesie in Wort und Bild! Verständige Texte, die Garteneigner, Architekten und Gartengestalter angemessen würdigen (Die Namen fehlen augenscheinlich nur, wo es die Besitzer nicht wünschten, genannt zu werden. Der unsägliche Fürst, der die Ca' d'Oro verunstaltet hat, wäre aber besser der immerwährenden Vergessenheit (damnatio memoriae) überlassen geblieben - der Architekt Giovanni Battista Meduna, der hier und auch an anderen Bauwerken Venedigs wütete, wäre wenigstens für den Wiederaufbau des Fenice zu rühmen. Der ehrbare Baron Giorgio Franchetti, der den Palast mit beachtlichem persönlichem Einsatz in Schönheit hat wiederauferstehen lassen, hätte dagegen S. 56 noch einige Zeilen mehr verdient.); brillante Photos, die die Herrlichkeit der Gärten in ihren Farben und vielfältigen Nuancen des Grün großformatig wiedergeben; gewissenhafte Aufzählung der reichhaltigen Bepflanzung, der Arten und Varianten, die einen Laien schon ganz wirr werden lässt und Kenner wohl in einen wahren Rausch versetzt ... Gönnen Sie sich diesen Schwips der Sinne wie des Verstandes! Da möchte man gleich mit dem Buch in der Hand wie mit einem Stadtplan durch die Gärten laufen. Auch ein Plan Venedigs, der speziell die Gärten und Parks ausweist (hier fehlen allerdings einige und ein paar Angaben könnten im Plan auch aussagekräftiger sein), fehlt nicht (S. 172-73; ziemlich unverständlich ist mir aber, daß die sehr guten Pläne der einzelnen Gärten aus Gabriela Bondi, Mariagrazia Dammicco, Letizia Querenghi: I Giardini Veneziani: Guida per Veneziani distratti, Forestieri illuminati, Giardinieri appassionati. Venezia 2003 hier nicht übernommen wurden.). Freilich, man kann die Gärten nicht so ohne weiteres besichtigen. Die Autorin bietet indes selbst über dem Wigwam Club Historische Gärten Venedigs, der auch Ausstellungen und Feste veranstaltet, Führungen an. Das ist freilich nichts für den Massentourismus. Dem aufmerksamen und rücksichtvollen Besucher, dessen Interesse vielleicht durch dieses Buch geweckt ist, gelingt es dessen ungeachtet vielleicht, selbständig etwas von Gepränge der Flora Venedigs zu erhaschen, das sich nicht nur in den im Buch beschriebenen Gärten findet. Da "ist die Überraschung groß, wenn man das Gartentor ... durchschreitet, durch einen feuchtdunklen Torbogen in einen hinreißend schönen, von außen nicht im geringsten zu erahnenden Garten tritt oder in der kühlen Stille eines Kreuzgangs die Tür zu einem üppigen klösterlichen Küchengarten aufstößt. Beim Verlassen des Gartens jedoch geschieht etwas ganz seltsames. Kaum hat sich die Tür hinter uns geschlossen, so stellen wir bei einem letzten Blick zurück mit Verblüffen fest, dass alles verschwunden ist: Es bleibt nicht der geringste Hinweis auf den Schatz, den wir soeben noch bewunderten. Die regungslosen (gemeint und richtig übersetzt ist natürlich "reglosen") Fassaden der Palazzi und Kirchen betrachten uns mit spöttischem Blick und geben uns zu verstehen, dass wir diesen Ort geheimzuhalten haben, dessen Wächter wir von nun an sind. Und unversehens machen sich Zweifel breit: War das Realität oder eine Illusion?" (S. 13) Aber: "Überall in der Stadt lässt die feuchte Luft diese beiden Pflanzen (Zimbelkraut und Mauer-Steinfarn) spontan aus Mauerfugen und Ritzen in der vom Wind herbeigetragenen Erde sprießen ..." (S. 87)
Es sind auch nicht alle venezianischen Gärten "geheim", versteckt, verborgen. Die öffentlichen Parkanlagen, die Papadopoli-Gärten, die Giardinetti reali und die Giardini pubblici sind allerdings eher als "verkommen" zu bezeichnen. Und auch mancher große öffentliche Platz könnte ein wenig mehr Gartengestaltung vertragen. Sie fehlen leider in dem Buch(in Bondi, Dammicco, Querenghi: I Giardini Veneziani sind auch die Papadopoli-Gärten, die Giardinetti reali und die Giardini pubblici vorgestellt; die Fotos dort S. 98-100 zeigen die Pergola in den Giardinetti reali, als sie in einem besseren Zustand noch zugänglich war), das vielleicht, indem es die einstige Gestaltung anschaulich dem heutigen Zustand gegenüber stellte, etwas Druck auf die zuständigen Behörden hätte ausüben können, so daß hier endlich etwas geschieht. Ich weiß, das ist nicht Thema dieses Buchs, aber notwendig wäre es wohl schon!
Leider fehlen in dem Buch auch einige wirklich geheime Gärten. Etwa die verlorenen und nur noch partiell wiederherstellbaren Gärten des Patriarchenpalastes von San Pietro di Castello (Olivolo), der Eden-Garten auf Guidecca, dessen Zustand sich wohl unter dem Eigner Friedensreich Hundertwasser nicht unbedingt verbessert hat (Was macht die Hundertwasser-Stiftung eigentlich damit?), der prächtige alte Pflanzenbestand auf der unlängst neu gesicherten Ísola S.Giacomo in Palude (Wem gehört die jetzt eigentlich?) oder auf anderen Inseln in der Lagune, die zum Teil Privateigentum sind wie z.B. die Ísola S.Cristina (gehört Gernot Langes-Swarowsky). Aber vielleicht können wir da auf eine weitere Publikation von Mariagrazia Dammicco hoffen, die uns sicher mit ihren wahrhaft blumigen Beschreiungen auch drüber hinwegtrösten würde, daß der eine oder andere Eigentümer den Zutritt strikt verweigert. Auch über die interessante Geschichte der Gartenbaukunst in Venedig hätte man gern etwas mehr erfahren. Wer weiß schon etwa heute noch etwas über die Züchtung exotischer Gewächse oder über die (einst) besonders beliebten Rosen in Venedig? Das ist Stoff für ein weiteres ebenso spannendes wie prächtiges Buch!
Übrigens: Auch in Prag haben sich Eigner wundervoller privater Gärten zusammengetan, so daß man die von April bis Ende Oktober besichtigen kann (zu buchen unter: alexandra_praha@hotmail.com). Ich empfehle dem Verlag ein Buch dazu unter dem Titel Die hangenden Gärten von Prag" herauszugeben (das Buch von Jiri Dolezal, Ivan Dolezal, Jiri Burian: Prager Gärten. 1987 dürfte wohl nicht mehr so ganz auf dem neuesten Stand sein), denn die meisten dieser Gärten liegen malerisch am Hang des Hradschin bzw. Letna. Allerdings wäre so ein Titel wohl überhaupt nicht mehr übersetzbar.