"Jede menschliche Tätigkeit, die nicht, und sei es auch nur in der indirektesten Weise, zum testikulären oder ovarialen Aufruhr, zur Begegnung von Spermatozoen und Eizellen führt, ist verächtlich." Dies ist das Credo Don Rigobertos, eines älteren, kauzigen Herren mit abstehenden Ohren, wohnhaft in Lima. Die Hauptfigur in Mario Vargas Llosa neuem Roman hat die Angewohnheit erotische Selbstgespräche zu führen, die sie in geheimen Aufzeichnungen niederschreibt. In dem erotischen Roman Mario Vargas Llosas vermischen sich Realität, Träume und Don Rigobertos Aufzeichnungen und lassen sich nur schwer voneinander trennen. Allen gemein ist jedoch eine ausschweifende sexuelle Phantasie. Eines der Glanzstücke des Romans ist Don Rigobertos fiktiver Brief an den Rotarier, der ihn eingeladen, hat Mitglied zu werden. Rigobertos zynische und amüsante Kritik am Rotarier-Club zählt zu den wenigen nicht-erotischen Höhepunkten dieses Romans, der sonst eher mit erotischen Höhepunkten aufwartet.
Geschmacklos werden Don Rigobertos Aufzeichnungen allerdings, als er eine wegen des sexuellen Mißbrauchs eines zehnjährigen Jungen verurteilte neuseeländische Lehrerin verteidigt. Während er den Mißbrauch eines Mädchens durch einen Lehrer verurteilt hätte, bezeichnet er die Tat der Lehrerin als "heldenhaft" und äußert sein vollstes Verständnis. Bleibt nur zu hoffen, daß es sich um das merkwürdige Menschenbild einer Romanfigur und nicht eines Autors handelt. Trotzdem ist Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto ein über weite Strecken sehr gelungener Roman, erotisch aber nicht pornographisch. Zwar erreicht er nicht ganz die Klasse von Milan Kunderas Unendlicher Leichtigkeit des Seins, aber lesenswert bleibt er allemal. Zum Schluß sei den an Lateinamerika interessierten LeserInnen noch gesagt, daß der von Elke Wehr tadellos übersetzte Roman zwar in Peru spielt, der Ort des Geschehens aber genauso gut Deutschland oder ein beliebiger anderer Ort der Welt sein könnte. Erotische Phantasien kennen eben keine Grenzen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)