Schon zu Zeiten des Römischen Reiches hatten gute Schuhe und gute Kleidung ihren Preis. Wer sich damals als Mann vornehm kleiden wollte, musste dafür eine Unze Gold auf den Tisch legen. Für die Kleidung der heutigen Zeit bezahlt man ungefähr denselben Preis. Am Wert guter Kleidung hat sich also über die Jahrhunderte nichts geändert. Oder andersherum: Gold ist ein echter Vergleichsmaßstab für den Wert von Waren. Und natürlich erst recht für den Wert einer Papierwährung.
Seit 1971 gibt es keine goldgestützten Währungen mehr. Das seitdem nur auf Schuldscheinen beruhende Geld von Volkswirtschaften sollte in einem vernünftigen Zusammenhang zu deren wirtschaftlicher Leistungskraft stehen. Will man den Wert einer solchen Währung bestimmen, dann zwingt sich ein Vergleich zum Goldpreis sofort auf.
Der Autor dieses Buches vertritt nun die These, dass die Zentralbanken der großen Industriestaaten aus genau diesem Grund seit Jahren den Goldpreis erheblich zu drücken versuchen. Zunächst verweist er darauf, dass der Goldpreis entgegen den üblichen Ansichten während der Finanzkrisen der letzten dreißig Jahre merkwürdigerweise nicht gestiegen, sondern gefallen ist. Danach zeigt er einen typischen Tageschart des Goldes, der aus vielen hundert Intraday-Verläufen entwickelt wurde. An ihm sieht man, dass der Goldpreis plötzlich ab dem 5. 8. 1993 täglich nach dem Vormittagsfixing in London signifikant bis zum Vormittagsfixing in New York fällt und danach wieder steigt. Das ist in der Tat recht sonderbar und lässt auf ein massives, schockartiges Eingreifen in den Markt schließen.
Die Zentralbanken haben prinzipiell drei Möglichkeiten für solche Interventionen. Sie können direkt verkaufen, am Terminmarkt aktiv werden oder Gold verleihen (beispielsweise an Minen, die es zunächst verkaufen und dann mit ihrer Produktion zurückzahlen oder an Carry-Trader, die es verkaufen und den Gegenwert höherverzinslich kurzfristig anlegen). Der Autor erläutert diese Methoden ausführlich. Natürlich gibt es für all die vermuteten Aktivitäten der Zentralbanken keinerlei direkte Belege, aber nach Meinung des Autors hinreichend viele indirekte Beweise. So kommt er nach Schätzungen über die Verleihvolumina der Zentralbanken zu dem Schluss, dass die Interventionspolitik am Goldmarkt zwar nach wie vor existiert, aber inzwischen nachgelassen haben muss.
Besonders einfach und ohne den Einsatz großer Mittel lässt sich der Goldpreis über den Terminmarkt drücken. Dazu muss man nur schockartig genügend Gold-Future-Kontrakte zum Verkauf anbieten. Auf diese Weise fällt der Goldpreis innerhalb weniger Minuten schlagartig, was zur allgemeinen Verunsicherung beiträgt. Genau dieses Vorgehen vermutet der Autor hinter dem oft zu beobachtenden ruckartigen Preisverfall vor dem New Yorker Fixing. Beweise kann man dafür natürlich nicht erbringen.
Die zunächst offene Drückung des Goldpreises begann mit der Aufkündigung der Goldbindung des Dollars durch Nixon. Aus der einstigen festen Bindung wurde eine nachweisliche sehr starke Korrelation zwischen Goldpreis und Dollar. Da der Dollar inzwischen zur Weltreservewährung aufgestiegen war, bestand ein großes Interesse der USA an einem niedrigen Goldkurs. Denn der suggerierte nicht nur eine vermeintliche Stärke ihrer Währung, sondern machte auch den Dollar als Wertaufbewahrungsmittel gegenüber dem Gold attraktiv.
Und genau das war zur Finanzierung des amerikanischen Scheinwohlstandes und der Militärpolitik der USA erforderlich. Ausländische Zentralbanken, insbesondere die chinesische, halten aus den obigen Gründen inzwischen ungeheure Dollarreserven. Eine Auflösung dieser enormen Ungleichgewichte erscheint auf sanftem Weg kaum noch vorstellbar. Ob es dieser Grund war, der später zu einer Änderung der Goldpreispolitik der Fed führte, wissen wir nicht. Nach Auffassung des Autors fährt die Fed nämlich seit dem 18. Mai 2001 eine andere Linie. Dies begründet er ausführlich.
In einem langen Abschnitt erläutert er danach das Entstehen und den Verlauf kreditfinanzierter Blasen und die Rolle des Staates dabei. Allein dieser Abschnitt lohnt den Kauf des Buches. Dem Autor gelingt es hervorragend, scheinbar komplizierte Zusammenhänge sehr anschaulich darzustellen. Mancher wird danach die jüngste Krise vielleicht ganz anders verstehen und begreifen, dass es keineswegs ein Zufall war, dass ausgerechnet die staatlich kontrollierten Landesbanken überproportional in Schrottpapieren investiert waren oder noch sind.
Nach Ansicht des Autors befinden wir uns in einer kreditfinanzierten weltweiten Megablase. Zwar wurde von den wichtigsten Zentralbanken stets die Geldwertstabilität als Zielgröße betrachtet, dabei jedoch das Gesamtkreditvolumen in seiner ökonomischen Wirkung unterschätzt. In den letzten Abschnitten seines Buches diskutiert der Autor dann die grundsätzlichen Möglichkeiten, wie diese Blase beseitigt werden kann. Er nennt Deflation, Inflation, einen jahrzehntelangen Stillstand wie gegenwärtig in Japan oder eine bestimmte Art von Währungsreform. Für wahrscheinlich hält er eine längere Inflation. Sie wäre auch die moderateste Variante. Vielleicht hat die Fed auch deshalb entschieden, den Goldpreis weniger zu beeinflussen als früher, denn ein hoher Goldpreis signalisiert Inflation.
Fazit.
Das Buch beginnt zunächst mit einer ausführlichen Beschreibung der Goldpreis-Problematik, die einen breiten Leserkreis eher weniger interessieren dürfte. Im zweiten Teil seines Buches diskutiert der Autor dann jedoch wesentliche Faktoren der Geldpolitik, die zur gegenwärtigen Krise geführt haben. Diese Ausführungen sind überaus lehrreich, kamen für mich allerdings recht überraschend, weil sie nur indirekt etwas mit der vermuteten Steuerung des Goldpreis durch die Zentralbanken zu tun haben. Aber gerade sie machen das Buch erst für eine breitere Leserschicht interessant. Obwohl ich die Aufteilung des Buches für etwas ungeschickt halte, empfand ich es insgesamt als sehr erhellend.