Die sieben Jahre, die Donna Tartt für dieses Debut verwendet hat, waren mit Sicherheit eine gute Investition. Es ist nicht die Geschichte, die dieses Buch außergewöhnlich macht: Arrogant-dekadente, vom Leben gelangweilte und dabei absurd sympathische Griechischstudenten begehen in vermeintlich dyonisos'schem Wahn einen versehentlichen Mord und daraufhin einen beabsichtigten, woran sie nach und nach zerbrechen. Das ist nicht unbedingt neu und in gewisser Hinsicht auch nicht wirklich überraschend. Der Autorin gelingt es dennoch mühelos, ein nervenzerreißendes Szenario aufzubauen, in dem man nägelkauend und mit feuchten Fingern die Seiten umschlägt. Wann werden die gräßlichen Verbrechen offenbar? Wer begeht den entscheidenden Fehler? Wie weit stürzen die Protagonisten ab für ihr Verbrechen?
Wunderbar und leider viel zu selten in dererlei Romanen ist die detailierte und originelle Sprache (ein Dank an den Übersetzer!). Aus der Sicht des Mitstudenten Richard in der Ich-Form erzählt, gewinnt die Geschichte an Authentität und läßt den Leser am Geschehen teilhaben.
Die Charakterisierung der fünf Hauptfiguren erscheint zuerst etwas stereotyp: der kluge, schweigsame und mysteriöse Henry, der neurotische Exzentriker Francis, die lebenslustigen, aber geheimnisumwitterten Zwillinge Camilla und Charles, der unbeschwerte, aufgeblasene Habenichts Bunny, die allesamt wahlweise ketterauchend, migränegeplagt, betrunken oder bekokst durchs College hasten. Doch durch das Klischeehafte werden sie erstaunlicherweise äußerst plastisch und glaubwürdig. Extrem treffend beobachtet ist die unheimliche, subtile Macht, die der kühl kalkulierende Henry auf die weniger nervenstarken Mittäter ausübt. Es erklärt sich von selbst, wie Charles zum haltlosen Trinker wird, Francis vom amüsanten Hypochonder zum hysterischen Nervenbündel mutiert, Camilla sich plötzlich unnahbar und geheimnisvoll gibt und weshalb unser Erzähler sich verstärkt mit diversen Suchtproblemen herumschlagen muß. Beim Lesen hatte ich stets Gesichter vor Augen, "Kino im Kopf" also, wie es mir als mittlerweile erwachsenen Leser nicht mehr allzu häufig passiert. Allein schon darum ist dieses Buch zu einem meiner Lieblingsbücher geworden.
Nur bedingt zu empfehlen ist die Lektüre klassischen Krimifreunden. Hier wird kein Verbrechen in mühsamer Puzzlearbeit aufgeklärt, und wir gehen auch nicht mit irgendwelchen schnieken Inspektoren in feinem Zwirn auf Mörderjagd. Es ist eine flüssig und amüsant erzählte Geschichte über Dekadenz und die Verkettung von Schuld und Sühne, und das Sahnehäubchen ist der großartige Schreibstil dieses Erstlings. Schade, daß es ein kleines Juwel bleiben wird - eine sorgfältige, im besten Sinne detailversessene, liebevoll erzählte Geschichte, an der sich der Leser festbeißt und nicht mehr losläßt bis zum bitteren Finale.