Das Aushängeschild einer unwahrscheinlich breit gefächerten Bewegung zu sein, bringt nicht nur Ruhm mit sich. Zumal, wenn sich diese Bewegung in erster Linie als Konversations-Plattform versteht und mit keinem spezifischen Glaubensbekenntnis antritt. Brian McLaren hat die Vorreiterrolle in der vor allem im englischen Sprachraum immer populärer werdenden Emerging-Church-Bewegung nie an sich gerissen, doch ist sie ihm durch seine zahlreichen auflagenstarken Veröffentlichungen, mit denen er das Lebensgefühl einer großen Menge (nicht nur desillusionierter Evangelikaler) getroffen zu haben scheint, in den letzten Jahren zugewachsen. Und damit ist der aus der Linguistik stammende Autor und ehemalige Pastor auch zur Zielscheibe zahlreicher Kritiker geworden, denen das Anliegen, Christ-Sein im postmodernen Kontext noch einmal ganz neu zu erfinden, wahrscheinlich auch in der Zukunft suspekt bleiben wird.
Die neueste Veröffentlichung von McLaren 'Die geheime Botschaft von Jesus. Die Wahrheit, die alles verändern könnte' markiert nun endgültig den Übergang einer Phase der Abgrenzung und Unterscheidung (insbesondere von der religiösen Rechten) zur positiv formulierten Agenda dessen, welche Relevanz der christlichen Botschaft in einem post-konfessionellen, post-modernen und post-christlichem Zeitalter zukommen könnte.
Der reißerische Buchtitel, der auf dem deutschen Markt den Absatz des Buches vermutlich nicht in die Höhe treiben wird und wohl nur noch in Klaus-Berger-Publikationen ein Äquivalent findet, weist den Leser auf den Kern dessen hin, was McLaren dem Leser aus seinem eigenen Lernprozess weitergeben möchte: Jesus hat eine Botschaft, die die längste Zeit missverstanden wurde. Und diese Botschaft ist geheim.
Während große Teile der Christenheit zumindest in jüngerer Vergangenheit das Konzept der Erlösung so verstanden hätten, dass es in erster Linie darum gehe, in den Himmel zu gelangen, plädiert McLaren für einen umfassenderen Erlösungsbegriff, der Jesu Botschaft vom Reich Gottes 'hier und jetzt' ernst nimmt. Und diese Botschaft hat nicht nur individuell-postmortale Züge, sondern eben auch soziale, gesellschaftliche und politische Implikationen sowie Relevanz für Kunst und Kultur. Die Denkbewegung verschiebt sich vom Wunsch nach Erlösung aus der Diesseitigkeit hin zur Sehnsucht, dass das Reich Gottes 'wie im Himmel so auf Erden' sichtbar werden möge.
Jesu Programm kommt aber nicht eindeutig daher, sondern versteckt, geheim, verborgen. In Geschichten und Bildern infiltriert der jüdische Rabbi Jesus von Nazareth sein Umfeld mit seiner revolutionären Botschaft. Es geht ihm nicht vorrangig um Wissensvermittlung, sondern um die Einladung in die Gemeinschaft mit ihm selbst und die Gemeinschaft seiner Nachfolger. Nicht die Aneignung von Glaubenswahrheiten ist intendiert, sondern die Realisierung dessen, dass die Weltgeschichte die Geschichte Gottes mit den Menschen ist und jeder Mensch in ihr seinen Platz finden kann. Dieses kosmische Drama kann nun schwerlich in dogmatischen Richtigkeiten dargestellt werden, sondern findet seinen Eingang in das Leben der Menschen quasi durch die Hintertür in der Form von Rätseln und Gleichnissen.
McLaren verortet Jesus von Nazareth im Judentum seiner Zeit und greift hier Erkenntnisse der jüngeren Jesus-Forschung auf, um sie für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Ihm gelingt es, dass weit verbreitete Missverständnis, Jesus habe Gleichnisse erzählt, um Dinge eindeutig zu machen, in Frage zu stellen und bietet besonders im letzten Teil des Buches eine Fülle von weiterführenden Gedanken, die Jesu Botschaft in ihrer Konsequenz u.a. für Kirche, Eschatologie, Krieg und Frieden und Formen von Spiritualität bedenken. Über Kreuz und Auferstehung Jesu wird man in diesem Buch wenig lesen ' nicht weil diese Themen für McLaren an Bedeutung verloren hätten (so der Chor der Kritiker), sondern weil dieses spezielle Buch die Botschaft Jesu, die er vor seinem Tod gepredigt hat, behandelt und sich hierauf beschränkt.
Dem oft gehörten Urteil, mit seinem Jesus-Buch sei McLaren sein bisher größter Coup gelungen, kann ich mich - trotz alles Lesevergnügens an dem gut zugänglichen und recht handlichen Buch ' allerdings nicht anschließen. Vielleicht, weil viele Ideen der einzelnen Kapitel aus Werken von N.T. Wright, Dallas Willard oder C.S. Lewis sehr vertraut daher kommen. Alles in allem aber dennoch ein gutes Buch, um sich über Jesus zu informieren. Wer dagegen Brian McLarens Gedankenwelt kennen lernen will und die englische Sprache nicht scheut, dem sei eher der Griff zu "A Generous Orthodoxy" oder "A new Kind of Christian" (erster Teil einer dreiteiligen Roman-Serie) geraten.