Dr. Michael Hüther, der Leiter des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Köln, war u. a. von 1990 bis 1995 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stab und 1995 bis 1999 Generalsekretär sowie Leiter des wissenschaftlichen Stabes des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, kurz: "Die 5 Weisen" genannt, sowie von 1999 bis 2004 Chefvolkswirt und von 2001 bis 2004 Bereichsleiter Volkswirtschaft und Kommunikation der Deka Bank Deutsche Girozentrale in Frankfurt, und ist Honorarprofessor an der an der European Buisines School in Oestrich-Winkel. In den letzten Wochen ist er uns Bürgern besonders unangenehm aufgefallen durch recht seltsame Auftritte, in denen er z. B. die Rente mit 70 propagierte.
Thomas Straubhaar wiederum, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsinstituts (HWWI),
war u. a. Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, und
ist u. a. Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. In den letzten Wochen tritt er, ähnlich wie Hüther, ebenso mit allerlei Merkwürdigkeiten an das Licht der Öffentlichkeit, wie etwa jenem unsäglichen Spiegel-Artikel "Schwache US-Wirtschaft Amerikas europäische Krankheit" in dem er dem US-Präsidenten Obama eine Wirtschaftspolitik a la Reagan vorschreiben wollte, und bezeichnet z. B. die Erbschaftssteuer als "Todessteuer", die wegwegweg gehört.
Beide, Hüther wie Straubhaar, sind aktiv als "Kurator" bzw. "Botschafter" tätig für die INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die Arbeitgeber-Lobby-Organisation, die u. a. vom Arbeitgeberverband "Gesamtmetall" finanziert wird), und so war es nur folgerichtig, irgendwann mal ein gemeinsames Buch herauszugeben, was Anfang 2009 auch geschah. Und wie eine INSM-Propagandaschrift liest es sich auch.
Unter dem Titel "Die gefühlte Ungerechtigkeit" möchten die Autoren uns Bürgern erklären, "Warum wir Ungleichheit aushalten müssen, wenn wir Freiheit wollen" (so der Untertitel des im Februar 2009 erschienenen Buches). Sie gehen davon aus, was sie uns auch auf mehr als 320 Seiten mal streng, mal scheinbar verständnisvoll, ausführen, daß wir keine ungerechte Gesellschaft haben, sondern nur eine ungleiche. Diese Ungleichheiten jedoch seien völlig normal, und müssten ertragen werden, da wir ansonsten keine Freiheit hätten, was natürlich im Umkehrschluß heißt: Je sozial gerechter, desto unfreier, und am Ende, so sollen wir schlußfolgern, suggeriert man uns, steht dann natürlich die sozialistische Diktatur. Und DAS will doch wohl keiner, nicht wahr? Daß die soziale Schere seit Jahren immer drastischer auseinandergeht, wird von den beiden Autoren auch genauso wenig bestritten, wie die damals ausgebrochene Finanzkrise, nur unsere HALTUNG dazu sei falsch. Soziale Ungerechtigkeit wäre somit also nicht "real", sondern nur gefühlt - wer also Begriffe wie "soziale -" oder gar "Verteilungs-Gerechtigkeit" in den Mund nimmt, sollte wohl schonmal prophylaktisch einen Termin beim Psychotherapeuten buchen, da ja mit dem GEFÜHL etwas nicht stimmen kann, jedenfalls wenn es nach den Autoren ginge. Oder um es mit einem aktuellen Beispiel zu sagen: Eine Lohnspreizung von 5,20 ¤ - Stundenlöhnen (im Kik-Prozess gerichtlich als sittenwidrig erkannt), bis zum Stundenlohn etwa eines Ackermann (Zitat: Handelsblatt v. 8.2.2008: "Rechnet man das Jahressalär von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann auf Stundenlohnniveau herunter, kommt man auf 4 782,-- Euro") von uns allen als völlig normal betrachtet werden soll (Es versteht sich von selbst, daß Hüther/Straubhaar selbstverständlich auch Gegner eines gesetzlichen Mindeslohnes sind, und seit Jahren dagegen polemisieren).
Damit wir endlich kapieren, was Sache ist, greifen die hobbypsychologisierenden Autoren auch manchmal zur Schocktherapie - alles zu unserem Besten, versteht sich, nämlich z. B. dann, wenn sie Folgendes schreiben: (Zitat) "Im Jahr 1970 erhielt jeder Einwohner Sozialleistungen in Höhe von durchschnittlich 3913 Euro. Im Jahr 2003 waren es preisbereinigt mit durchschnittlich 8416 ¤ schon mehr als doppelt so viel." Und setzen nach diesem Zahlenschock fort:(Zitat)"Den Bundesbürgern wurde mit dieser Politik suggeriert, der Staat könne sich in jeder Lebenslage um sie kümmern." Keine Fußnote, keine Erklärung, wie die beiden Super-Ökonomen auf diese Beträge kommen. Man muß sich schon mal gesondert mit dem Sozial-Etat der Bundesrepublik Deutschland befasst haben, um herauszukommen, daß hier nur der Gesamt-Betrag des Sozial-Budgets durch die Zahl der Einwohner geteilt (und preisbereinigt)wurde (etwa 2007 lag der Sozial-Etat bei:706,9 Milliarden ¤ -"bpb" - "Bundeszentrale für politische Bildung") Renten- und Kranken-Versicherungs-Leistungen sind da ebenso enthalten, und ALLE von den gesetzlich Versicherten etwa GEZAHLTEN BEITRÄGE für die Sozialversicherung werden somit schlicht UNTERSCHLAGEN! Und als Gipfel der Unverschämtheit wird sogar noch behauptet, "...wenn es um schwer kalkulierbare Risiken wie Krankheit oder Erwerbsunfähigkeit geht, erst recht, wenn es sich um die Sicherung des Lebensstandards im Alter handelt, sehen die meisten vor allem den Staat in der Pflicht."
Man fragt sich, auf welchem Planeten Hüther und Straubhaar leben - die Erde kann es nicht sein, denn spätestens jetzt möchte man ihnen zurufen: "Haaallooo, Hüther, Straubhaar, jemand zu Hause? Wer zahlt denn die Beiträge für die gesetzliche Sozialversicherung? Kleiner Tip: Der liebe Gott ist es nicht! Und aus dem Nirwana, wo ihr möglicherweise wohnt, kommt das Geld auch nicht!"
Hätte man als alles besserwissende Super-Ökonomen dies so genau erklärt, hätte man den Leser ja leider nicht so schön doll erschrecken können, und ihm darüberhinaus auch noch weismachen, daß er den (Zitat) "Sozialstaat als Retter vor den Risiken falscher Entscheidungen" benutzt. Wohlgemerkt: Auch das durch jahrzehntelange Beitragszahlung erworbene Anrecht auf Alters-Rente ist hier gemeint (Empfang von Rentenzahlung wird allen Ernstes als sozialstaatliche Rettung vor einer "falschen Lebensentscheidung???" denunziert), und es wird wieder nur versucht, dem Leser nicht nur erneut das Märchen vom viel zu aufgeblähten Sozialstaat unter die Jacke zu jubeln, sondern ihm auch das schlechte Gewissen dafür reinzudrücken - und das ist nur EINE der zahlreichen Unverschämtheiten in diesem Buch. Nein, dem Leser wird hier nach Strich und Faden die Hucke voll gelogen, er wird zum Besten und für offenbar völlig gaga gehalten, denn er soll am Ende den Kakao auch noch faßweise saufen, durch den ihn die Autoren ziehen. Aber was will man erwarten? Schließlich waren da zwei würdige Vertreter der INSM am Werk. Es bleibt die Frage: Wer glaubt diesen ideologischen Schwachsinn eigentlich noch? Unfassbar, daß diese beiden Herrschaften noch immer zu den führenden Ökonomen Deutschlands zählen.