Was ist gut? Was ist böse? Gibt es so etwas wie einen in sich guten oder bösen Menschen? Wer entscheidet, was gut, was moralisches Verhalten ist? Dies sind die Fragen, die Frank Ochmann, Wissenschaftsjournalist beim Stern, in seinem Buch "Die gefühlte Moral" untersucht.
Ochmann nähert sich dem Phänomen Moral von zwei Seiten. Zum einen untersucht er theologisch-geisteswissenschaftliche Ansätze, zum anderen betont er die enorme Bedeutung neurobiologischer Prozesse, wenn es darum geht, moralisch zu handeln. Als studierter Physiker und Theologe kennt sich Ochmann in beiden Bereichen bestens aus. Die erste Erkenntnis am Ende des ersten Kapitels lautet, dass Moral weder durch unsere Gene noch durch unsere Erziehung komplett determiniert wird: "Die 'menschliche Natur' entwickelt sich aus einem komplexen, unauflösbaren Wechselspiel zwischen Erbanlagen und von außen wirkenden Einflüssen. Keine unserer Eigenschaften, ob körperlich oder geistig, wird daher allein genetisch oder nur durch Erziehung oder Erfahrung bestimmt" (46f.). Im Anschluss widerlegt Ochmann den Mythos einer absoluten Moral mit metaphysisch begründeten Maßstäben von gut und böse: "Nichts ist 'in sich' gut. Erst durch soziale Vereinbarung wird das 'Gute' vom 'Bösen' und das moralisch 'Richtige' vom 'Falschen' getrennt" (73). Sprich, moralische Normen sind niemals absolut, sondern immer das Ergebnis eines gesellschaftlichen Diskurses. Jede Gesellschaft handelt mit sich und ihren Mitgliedern moralische Normen aus, anhand derer entschieden wird, was 'gut' und was 'böse' ist.
Im Zentrum der Darstellung steht die Frage, welche Mechanismen dafür verantwortlich sind, warum der Mensch die Entscheidungen trifft, die er letztendlich trifft. Und hier sind neurobiologische Prozesse ganz entscheidend. Wichtige Voraussetzung ist das in unserem Gehirn ansässige Belohnungssystem, welches von der Amygdale-Region gesteuert wird (vgl. S. 145). Das für die menschliche Rasse nicht gerade schmeichelhafte Ergebnis lautet, dass es einen Zusammenhang zwischen angenehmen Gefühl und eigenem Vorteil gibt: "Je größer der eigene Vorteil, desto angenehmer die Gefühle, war dabei das ernüchternde Resultat" (127). Wir sind daher "nicht selbstlos genug, um als 'von Natur aus gut' gelten zu können" (129). Dabei ist es für den Menschen als einem sozialen Wesen immer ein angenehmes Gefühl, von einer Gemeinschaft akzeptiert zu werden. Die Geschichte der Menschheit im vergangenen Jahrhundert zeigt, dass Menschen bereit sind, anderen Menschen jede noch so große Grausamkeit anzutun, nur um die Normen einer bestimmte Gruppe zu erfüllen. Die SS erhob Treue und Gehorsam zum kategorischen Imperativ ihrer Organisation, was in ihrem Leitspruch "Deine Ehre heißt Treue" passend zum Ausdruck kam. Allein der absolute Gehorsam der Organisation gegenüber aktivierte das Belohnungssystem der SS-Mitglieder. Der menschenverachtende Inhalt der Befehle war sekundär: "So sehr wir uns auch wünschen mögen, dass das moralische Verhalten eines Einzelnen von Überlegungen zu persönlicher Bestrafung oder Belohnung unabhängig ist, beweisen Theorie und Praxis doch das Gegenteil" (179).
Ochmann legt dar, dass das dem Menschen eigene emotionale Belohnungssystem, welches vor allem auf Zugehörigkeit zu einer Gruppe ausgerichtet ist, maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass es ausgerechnet wir Menschen an die Spitze der Evolution geschafft haben: "Denn keine andere Art auf unserem Planeten hat es geschafft, in so ausgedehnten sozialen Verbänden und mit so vielen unterschiedlich gefärbten sozialen Beziehungen zu leben wieder Mensch. Der entscheidende Grund für diesen Erfolg, so zeigt sich als gemeinsames Ergebnis der Forschung aus ganz unterschiedlichen Disziplinen von der Biologie über die Neurowissenschaften bis zur Soziologie: die Entdeckung der Moral" (225f.).
Fazit: Wie 'gutes' oder 'böses' Verhalten entsteht, beziehungsweise was wir als 'gut' oder 'böse' betrachten, gehört mit zu den spannendsten und wichtigsten Fragen überhaupt. Ochmannn nähert sich dem Thema angenehm sachlich und auf Höhe des neuesten Forschungsstandes. Dies ist wichtig und wohltuend und unterscheidet sich auf angenehme Art von den ideologisch verzerrten Betrachtungen des Menschen vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, von religiösen Weltanschauungen.