Aus der Amazon.de-Redaktion
Liebe tut weh, in Thommie Bayers Romanen tat die Liebe schon immer weh. Nur wurde das früher mit einer guten Portion Tragikomik abgefedert, etwa in seinem Kultroman aus den 80er Jahren Das Herz ist eine miese Gegend. Zu lachen gibt es in Die gefährliche Frau nichts mehr. Andererseits ist der Roman auch kein Erotikthriller, wie Titel und Plot vielleicht sugerieren mögen, sondern das erstaunlich einfühlsame Porträt einer ungewöhnlichen Frau. Das Risiko, als Mann eine weibliche Ich-Erzählerin zu wählen, ist Thommie Bayer erfolgreich eingegangen. Und auch wenn es kein Thriller ist, legt man das Buch doch ungern vor der letzten Seite aus der Hand. Die Pointe am Schluss ist gut gewählt -- sie verleiht der Ich-Erzählung Vera Sandins im Rückblick noch andere Nuancen --, aber für aufmerksame Leser vielleicht doch nicht ganz unvorhersehbar.
Das Herz ist wirklich eine miese Gegend, und Thommie Bayer beweist einmal mehr, dass er diese Gegend wie seine Hosentasche kennt und dem ewigen Thema Liebe und Eros immer wieder eine frische Geschichte abtrotzen kann. Kein literarischer Höhenflug zwar, aber sehr gute Unterhaltung, die viele Leser ansprechen wird. --Christian Stahl
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich starrte auf den Bildschirm, sah den blauen Kästchen zu, die sich zielstrebig vermehrten, während das Programm meine Festplatte aufräumte. Ich lasse es jede Woche laufen. Mir gefällt der Anblick.
Ich lebe hier im Büro. Alles, was ich brauche, und fast alles, was ich liebe, ist hier. Hunderte von Fotos an den Wänden, die meisten selbst geknipst, vor Jahren, als ich eine Zeitlang dieser Leidenschaft verfallen war, die CDs, die ich höre, die Kleider, die ich trage - Jeans, Pullover, T-Shirts und drei verschiedene Dufflecoats -, die Gewürze, die ich zum Kochen benutze, und, im Flur vom Boden bis zur Decke, die Bücher, die ich nach dem Lesen nicht verschenkt habe. Hier in diesen drei Erdgeschoßzimmern hat jede Katze ihren Platz, ein Kissen, eine Decke, einen reservierten Sessel oder die Lehne des zerkratzten Sofas - die Möbel sind ein stilistisches Durcheinander, manche von Geburt an häßlich, manche ehemals elegant, aber jetzt alle mit Patina, Wunden und Geschichte. Und alle von mir geliebt. Kein Stück dürfte fehlen.
Hier, in dieser Höhle, fühle ich mich sicher, hier weiß ich, wer ich bin, und außer mir und den Katzen setzt höchstens mal ein Handwerker seinen Fuß über die Schwelle. Und einmal im Jahr der Tierarzt.
Meine Wohnung nebenan ist das glatte Gegenteil: Designermöbel, Marmorbad und High-Tech-Küche, aus deren Kühlschrank ich allenfalls mal eine Flasche Champagner nehme. Die Kühlschranktür schließt mit dem satten Geräusch einer Mercedestür. Ich mag übrigens keinen Champagner. In der Wohnung bin ich nur, um meinem Beruf nachzugehen. Ich habe einen abseitigen Beruf: Ich schlafe mit Männern. Wenn ihre Frauen das wollen.
Sie rufen mich an, wenn sie meine Anzeige sehen: Ist Ihr Mann treu? Finden Sie es heraus. Ich schalte den Text einmal im Monat hier in der Stadt und in einer überregionalen Tageszeitung. Man sollte nicht glauben, wie viele Frauen sich bei mir melden. Manche aufgelöst, manche von vornherein feindselig, manche verlegen und beschämt, weil sie glauben, paranoid und im Unrecht zu sein, manche forsch, als müßten sie mich für einen Putzjob examinieren, und manche, das sind die wenigsten, sprühend vor guter Laune und aufgesetzter Lässigkeit ..."
Auszug aus Die gefährliche Frau von Thommie Bayer. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die gefährliche Frau
Roman
In Wirklichkeit tut Liebe weh. Das wissen alle, aber alle träumen weiter. Von dem Mann, dessen Leidenschaft nie versiegt, ebensowenig wie sein Verständnis und seine Zärtlichkeit, der nach zwanzig Jahren Ehe noch immer behauptet, er wolle jetzt, in diesem Moment, gern wissen, was durch ihren Kopf geht. Nach zwanzig Jahren Ehe weiß er noch immer nicht, daß es sich um Schuhe dreht, die zwar weh tun, aber größer machen, oder darum, ob die beiläufige Bemerkung einer Bekannten vielleicht eine versteckte Gemeinheit enthielt. Er sieht gut aus, genießt hohes Ansehen und hat nur Augen für sie.
Ich träume nicht mehr.
1
Es war Ende August. Die Strahlen der Nachmittagssonne drangen nur vereinzelt, gefiltert vom Laub der Linden, zu mir durch, ich genoß die schläfrige Spätsommerstimmung meine Nachbarn waren noch in den Ferien, ihre Kinder gingen sonstwem auf die Nerven, das Verkehrsgebrumm wurde gedämpft von den Gärten ringsum, und die Katzen dösten, jede in ihrem eigenen Sonnenfleck. Nur Valentino lag wie immer auf dem Schreibtisch, eine Pfote lässig auf mein Mauspad gelegt, als wolle er noch im Schlaf sagen: Das gehört mir, so wie du mir gehörst und jeder Platz, auf dem du sitzt oder liegst oder stehst. Er träumte vielleicht, vergaß das Schnurren, atmete flach und hatte den zufriedenen Ausdruck auf seinem Gesicht, um den ich ihn, seit er bei mir ist, beneide.
Ich starrte auf den Bildschirm, sah den blauen Kästchen zu, die sich zielstrebig vermehrten, während das Programm meine Festplatte aufräumte. Ich lasse es jede Woche laufen. Mir gefällt der Anblick.
Ich lebe hier im Büro. Alles, was ich brauche, und fast alles, was ich liebe, ist hier. Hunderte von Fotos an den Wänden, die meisten selbst geknipst, vor Jahren, als ich eine Zeitlang dieser Leidenschaft verfallen war, die CDs, die ich höre, die Kleider, die ich trage Jeans, Pullover, T-Shirts und drei verschiedene Dufflecoats , die Gewürze, die ich zum Kochen benutze, und, im Flur vom Boden bis zur Decke, die Bücher, die ich nach dem Lesen nicht verschenkt habe. Hier in diesen drei Erdgeschoßzimmern hat jede Katze ihren Platz, ein Kissen, eine Decke, einen reservierten Sessel oder die Lehne des zerkratzten Sofas die Möbel sind ein stilistisches Durcheinander, manche von Geburt an häßlich, manche ehemals elegant, aber jetzt alle mit Patina, Wunden und Geschichte. Und alle von mir geliebt. Kein Stück dürfte fehlen.
Hier, in dieser Höhle, fühle ich mich sicher, hier weiß ich, wer ich bin, und außer mir und den Katzen setzt höchstens mal ein Handwerker seinen Fuß über die Schwelle. Und einmal im Jahr der Tierarzt.
Meine Wohnung nebenan ist das glatte Gegenteil: Designermöbel, Marmorbad und High-Tech-Küche, aus deren Kühlschrank ich allenfalls mal eine Flasche Champagner nehme. Die Kühlschranktür schließt mit dem satten Geräusch einer Mercedestür. Ich mag übrigens keinen Champagner. In der Wohnung bin ich nur, um meinem Beruf nachzugehen. Ich habe einen abseitigen Beruf: Ich schlafe mit Männern. Wenn ihre Frauen das wollen.
Sie rufen mich an, wenn sie meine Anzeige sehen: Ist Ihr Mann treu? Finden Sie es heraus. Ich schalte den Text einmal im Monat hier in der Stadt und in einer überregionalen Tageszeitung. Man sollte nicht glauben, wie viele Frauen sich bei mir melden. Manche aufgelöst, manche von vornherein feindselig, manche verlegen und beschämt, weil sie glauben, paranoid und im Unrecht zu sein, manche forsch, als müßten sie mich für einen Putzjob examinieren, und manche, das sind die wenigsten, sprühend vor guter Laune und aufgesetzter Lässigkeit, weil sie wollen, daß ich das Ganze für einen Witz oder eine Wette unter Freundinnen halte. Und fast alle brechen zusammen, wenn sie kriegen, was sie wollten: ihren Mann auf Video. Mit mir.
Ich bin keine Privatdetektivin, eher eine Art Lockvogel. Ich stelle den Männern Fallen, verführe sie, biete mich an, bin der Traum, den sie längst schon nicht mehr zu träumen wagten, die Frau für eine Nacht, die aus dem Nichts kommt, keine Forderungen stellt und am nächsten Morgen wieder im Nichts verschwindet. Sie gehen verjüngt und stolz nach Hause, wo sie vielleicht schon vom Inhalt ihres Kleiderschranks auf der Straße erwartet werden, mitsamt der Eisenbahn, der Videokamera und dem zerschmetterten Computer. Oder von einer leeren Wohnung mit der Nummer des Anwalts auf dem Küchentisch. Oder ihrer Frau, die mit ausdruckslosen Augen einem Handwerker beim Austauschen der Schlösser zuschaut.
Und man sollte nicht glauben, wie gut ich verdiene. Tausend bar im voraus und tausend nach Vollzug. Ich brauche dem Geld nicht nachzulaufen, bisher hat noch jede Frau bezahlt. Vielleicht, weil sie nie wieder mit mir zu tun haben wollen. Der Gedanke, ich könnte vor ihrer Tür stehen, die Frau, die ihren Mann geritten hat, der Inbegriff ihrer Demütigung, dieser Gedanke muß sie so ängstigen, daß sie umgehend bezahlen. Auch wenn sie mich für den Rest ihres Lebens hassen. Genau wie ihre Männer.
Obwohl, das ist nicht immer so. Einer stand mit einem Strauß Rosen vor der Tür und wollte mit mir ein neues Leben anfangen, und ein anderer, einer der Netteren, brachte mir seine Katze und bat mich, für sie zu sorgen. »Meine Frau haßt das Tier«, sagte er, »sie würde es einschläfern lassen.«
»Warum nehmen Sie es nicht zu sich?« fragte ich, aber bevor er noch erzählen konnte, daß er gekündigt und eine Asienreise gebucht hatte, strich die Katze mir schon um die Beine und hatte mich um den Finger gewickelt. Das geht leicht bei mir. Wenn man eine Katze ist. Der Mann gab mir einen Hunderter, ging in die Knie, küßte die Katze auf den Kopf und trollte sich. So kam Valentino zu mir. Er war der letzte.
Natürlich hat man mir auch schon die Scheiben eingeworfen, Pakete mit ekelhaftem Inhalt geschickt oder versucht, mich mit Telefonterror zu quälen, aber das betrifft alles die Wohnung, und dort bin ich nicht. Von meinem Büro wissen die Herren nichts. Niemand weiß davon.
Und man sollte nicht glauben, wie einfach es für mich ist, die Männer reinzulegen.