Schon vor seinem Erscheinen hat Norbert Gstreins Roman "Die ganze Wahrheit" einigen Staub in der Literaturszene aufgewirbelt: ein Schlüsselroman sei es geworden, hieß es, eine Abrechnung mit Ulla Berkéwicz-Unseld, der Witwe und Erbin des Verlegers Siegfried Unseld. Nun mag das so sein, aber bei jedem sogenannten Schlüsselroman stellt sich die Frage, wieviel an Interesse daran übrig bleibt, wenn man als Leser/in die beschriebenen Leute nicht oder kaum kennt und auch keine weiteren Hintergrundinformationen hat.
In "Die ganze Wahrheit" ist alles ein wenig verfremdet: der (ursprünglich: Suhrkamp-)Verlag wurde nach Wien transferiert und ist dabei auf ein recht kleines Unternehmen geschrumpft. Der Verleger Heinrich Glück heiratet in zweiter Ehe die Blondine Dagmar, die sich im Lauf der Zeit als veritable Nervensäge entpuppt. Erst als ihr Mann allmählich hinfällig wird, beginnt Dagmar, in die Rolle der sorgenden Ehefrau einzusteigen, die sie bis zu seinem Tod beibehält - nicht ohne dann ein Buch darüber zu veröffentlichen. Der Lektor des Verlags, der Ich-Erzähler Wilfried, der das Ehepaar Glück durch alle Höhen und Tiefen begleiten durfte/musste, möchte Dagmars Roman nicht lektorieren und wird daraufhin gekündigt.
Der Beschreibung dieser Dagmar und ihres Treibens wird in diesem Buch viel Raum gegeben. Die Verlegersgattin, ein hysteroid-flatterndes Wesen, das öfter die Grenze zum Psychopathologischen überschreitet, ist das wenig schmeichelhafte Porträt einer grauenvoll überdrehten Frauensperson. Launen- und sprunghaft, willkürlich, ein Mensch mit 1000 Gesichtern. Ihrem suspekten Hang zur Esoterik und Mystik verbindet sie mit schriftstellerischen Versuchen: das Ergebnis ist ein Theaterstück, dessen Uraufführung am Burgtheater zum Fiasko wird.
Leider fehlt der Exzentrikerin Dagmar in diesem Buch ein Gegenspieler. Der Ich-Erzähler Wilfried ist ihr in all seiner Lahmheit nicht gewachsen und auch nicht wirklich ein Sympathieträger. "Ich schwieg" heißt es oft. Wilfried akzeptiert alles, sagt nichts, tut nichts (außer über die Chefin zu lästern und ein "Enthüllungsbuch" zu schreiben - tiefenpsychologisch gesehen wäre das nicht nötig gewesen, hätte er ihr Paroli bieten können). Dass zwischen den beiden Antipoden so wenig Funken fliegen, tut dem Roman dramaturgisch nicht gut und lässt ihn zwischendurch recht lang erscheinen. Denn alles in allem passiert nicht viel und auch das Ende wird schon vorweggenommen. Man will nicht so recht warm werden mit den Figuren, obwohl (oder weil?) sie so psychologisch genau beobachtet sind.
Dennoch: ich habe den Roman gern gelesen. Norbert Gstrein steht für mich in Stil und Satzkonstruktion für souveränen Umgang mit der deutschen Sprache. Wer Gstrein liest, sollte übrigens keine Angst vor längeren und langen Sätzen haben ;-) Bisweilen aufblitzender Sarkasmus belebt die Lektüre.
Ein blendend geschriebener, in Maßen unterhaltsamer Roman mit Einblicken in ein Milieu, das der Autor sicher gut kennt. Schlüsselroman hin oder her - interessant ist er allemal.