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Eine Leo-Frobenius-Biographie
Dem Biographierten und dem Biographen hat die Rezension einer Biographie gerecht zu werden, eine knapp kaum lösbare Aufgabe angesichts des unruhigen Lebens und der rund 70 Bücher von Leo Frobenius sowie der Ansichten des Biographen. Letzterem, Hans-Jürgen Heinrichs, ist mit dieser ersten Biographie von Frobenius (18731938) daran gelegen, diesen weit über die Ethnologie bekannten Afrikareisenden als einen grossen ganzheitlichen Tiefenschauer darzustellen, der, wie der Biograph, der akademischen Wissenschaft distanziert gegenübersteht.
Leo Frobenius, in Berlin geboren, an vielen Schulen unterrichtet, ist ohne Abitur und ohne Studium in die Ethnologie gekommen. Neben seiner Berufsausbildung arbeitete er gelegentlich an Museen mit, so auch in Basel, eignete sich sein ethnologisches Wissen aber weitgehend autodidaktisch an. Nach eigenen Aussagen hat Frobenius sich sehr früh von mechanistischen Kulturauffassungen gelöst und sich dies als Horizont errichtet: «Erlebnis der Kulturen als organischer Körper und Vertiefung der Kultur- und Völkerkunde bis zu einer Weltanschauung». Organizistische Kulturvorstellungen waren ja nicht neu, aber während des 19. Jahrhunderts weitgehend verschüttet worden. Frobenius fühlte sich berufen, Kultur als «selbständiges organisches Wesen» darzustellen und dieses «Wesen» hinter der Oberfläche aufzuspüren. Afrika sollte das Gebiet werden, in dem er diese «Tiefenschau» betreiben wollte, und ab 1904 unternahm Frobenius, in den ersten Jahren finanziell vom deutschen Kaiser unterstützt, zwölf Reisen nach Afrika: die «Deutsche Innerafrikanische Forschungs-Expedition» (Diafe), wobei Kollegen das Kürzel der häufig unzureichenden Vorbereitung und Organisation der Reisen wegen ironisch als «Dilettanten in allen vier Erdteilen» auslegten.
Frobenius hat sein Leben lang fieberhaft gearbeitet, und so hat er von den Reisen Hunderte von Mythen und Erzählungen zurückgebracht, Tausende von Kopien von Feldbildern und vieles andere. Die grosse Erzählungensammlung «Atlantis» wurde ein greifbarer Ertrag ebenso wie das Kartenwerk «Atlas Africanus», in dem Frobenius grosszügige Entwürfe strukturell und meist auch geographisch zusammenhängender Kulturen skizzierte. Diese afrikanischen Kulturen verband er mit einer stetig sich verfeinernden Kulturtheorie, die den Kulturen eine «Kulturseele», das Paideuma, und, wie den Organismen, Lebensphasen zusprach. Die Jugendphase war die der Ergriffenheit, der eine Erwachsenenphase des Begreifens folgte. Eine Zeitlang arbeitete Frobenius mit Oswald Spengler zusammen, löste sich aber von dessen Untergangsstimmung und erkor Afrika zu dem Kontinent, dessen Kulturen in der Ergriffenheitsphase seien und die darum dem materialistisch ausgerichteten Europa helfen könnten. Nicht nur in Europa wurden nach dem Ersten Weltkrieg solche Erneuerungsvisionen mit Begeisterung aufgenommen, die Hochschätzung afrikanischer Kulturen liess Frobenius auch zur Referenzperson der négritude um Leopold Senghor werden.
Hans-Jürgen Heinrichs stellt Frobenius mit viel Sympathie vor. Wer zu Tiefenschau neigt, wird Gefallen an dem Buch finden. Auch nennt Heinrichs skandalöse Vorgänge wie Frobenius' berüchtigten Diebstahl einer bronzenen Ife-Figur und die nicht seltenen negativen Äusserungen über Afrikaner und positiven Äusserungen über die Deutschen, die doch beide nicht zu seinen Überlegungen zur afrikanischen Ergriffenheit und deren Heilwirkung für das dahinsiechende Europa passen; aber sie werden ständig heruntergespielt gegenüber den Lobeshymnen auf den nicht «stromlinienförmig wissenschaftlich arbeitenden» Forscher, der um Ganzheitlichkeit und Tiefenschau bemüht war. Selbst wenn man letzteren zugeneigt ist, sollte man stutzig werden: Wenn Heinrichs das Zurechtformen des Gehörten bei Frobenius, der weder Berberisch noch irgendwelche der westafrikanischen Sprachen sprach, als vermeintliche Schwäche bezeichnet, «die eher das Potential einer selbstreflexiven und poetischen Anthropologie in sich birgt», da ja der Ethnologe den Fremden erfinde, so ist der Beliebigkeit des Manipulierens das als Handwerkszeug gereicht.
Wolfgang Marschall
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
3.0 von 5 Sternen
Vorerst konkurrenzlos,
Kinder-Rezension
Rezension bezieht sich auf: Die fremde Welt, das bin ich (Gebundene Ausgabe)
Das Buch ist vorerst konkurrenzlos und verdient viele Leser, obwohl es ausgesprochen mangelhaft ist: Es gibt schlichtweg keine andere Biographie von Leo Frobenius, der nicht nur der Ahnherr der modernen Afrikanistik ist, sondern auch eine zeitgeschichtliche Figur von höchstem Interesse. Er entstammte der deutschen idealistischen Tradition des 19.Jahrhunderts, in der man in poetisierenden Metaphern vom Wesen ganzer Kulturkreise sprach und sie plakativ gegeneinander setzte. So sprach Frobenius pauschal von der abendländischen Fetischisierung von Technik und Ratio, und stellte ihr den Sinn fürs Ganze und Geheimnisvolle des Daseins gegenüber, über den "der afrikanische Mensche" verfüge.
Frobenius war jedoch der überragende Entdecker der Eigenheit afrikanischer Kultur und Initiator der "negritude". Gleichzeitig hatte er paradoxerweise Sympathien mit kolonialistischem Geist und antiaufklärerischen Strömungen. H.J.Heinrichs, der Biograph, arbeitet die Ambivalenzen von Frobenius deutlich heraus. Seine Darstellung krankt allerdings daran, völlig ungeordnet zu sein. Keine Begriffe werden eingeführt, kein Erzählstrang durchgehalten. Anstatt darzustellen, was Frobenius geleistet hat, werden ausführlich die Auseinandersetzungen innerhalb der Ethnologie um Frobenius zitiert. Da es vorerst keine andere Gesamtdarstellung über die große aber zwielichtige Gestalt Leo Frobenius gibt, sind dem Buch trotz allem viele Leser zu wünschen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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