Man wirft Necla Kelek wiederholt vor, ihre eigene Geschichte als examplarisch für die türkische Migrantenproblematik zu verwenden. Der autobiographische Text macht auch tatsächlich fast die Hälfte dieses Buches aus. Aber es erscheint mir selbstverständlich, dass ein Mensch ein Bewusstsein und das Interesse für ein bestimmtes Problem oft erst aus der eigenen Erfahrung entwickelt.
Kelek geht dann einige Schritte weiter, beleuchtet die Hintergründe aus dem Koran und dem Leben des Propheten und führt Gespräche mit importierten Bräuten. Das Ergebnis ist ziemlich ernüchternd und wohl auch deprimierend: die Integrationsbereitschaft der türkisch-muslimischen Parallelgesellschaft ist minimal. Nacla Kelek bietet schließlich einige Lösungsmöglichkeiten und -vorschläge an, die sich in erster Linie an den Gesetzgeber richten.
Es gibt ein US-amerikanisches Motto, das lautet: "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt." Dieses Motto ist so weit vom Integrationsprinzip der türkisch-muslimischen Gemeinschaft entfernt wie Hamburg von Istanbul. Es hat sich eine Parallelgesellschaft etabliert, die sich durch den Zuzug immer neuer (Zwangs-)Partner ständig erneuert und vergrößert und die es nicht für nötig findet, sich mit den Gegebenheiten des Gastlandes auseinanderzusetzen.
Mag auch manches Detail in Keleks Buch polemisch oder verallgemeinernd sein - manchmal ist Polemik ein wichtiges Mittel, eine Diskussion in Gang zu setzen. Ein wichtiges Buch, das leider erst jetzt kommt, da der Karren schon ziemlich verfahren ist. Es bleibt zu hoffen, dass es von den richtigen Leuten gelesen wird.