Die Bedeutung der Kindheit für die weitere Persönlichkeitsentwicklung ist eines der großen Themen der Psychologie des 20.Jahrhunderts. Allerdings haben sich inzwischen die Akzente verlagert: Nicht mehr die psychosexuelle Entwicklung steht - wie zu Freuds Zeiten - im Zentrum des Interesses, sondern die Schicksale von Aggression und Bindungsfähigkeit. Martin Dornes, Dr. phil., geb. 1950, ist Soziologe und Gruppenanalytiker. Nach klinischen Tätigkeiten in Psychiatrie, Psychosomatik und Sexualmedizin arbeitete er mehrere Jahre als Projektmitarbeiter am Sigmund Freud-Institut in Frankfurt am Main. Derzeit ist er Mitarbeiter am Institut für medizinische Psychologie des Universitätsklinikums in Frankfurt am Main und Privatdozent an der Universitat-Gesamthochschule Kassel. Er beschreibt in seinem neuen Buch, dem Folgeband des Bestsellers "Der kompetente Säugling", die Eigenarten der Denk- und Gefühlsprozesse kleiner Kinder, die sich erheblich von denen der Erwachsenen unterscheiden, und schildert die Konsequenzen für die Erlebniswelt der Kinder. Außerdem befaßt er sich mit der Entstehung und Entwicklung von Aggression, den Ursachen und Folgen der Kindesmißhandlung, dem plötzlichen Kindstod, der Angst im Säuglingsalter sowie der Frage, ob schon Säuglinge unbewußt denken und fühlen. Nicht umsonst stellt Dornes seinem Text ein eindrückliches Zitat von Michael Balint (Über Liebe und Haß, 1951) voran. Es beschreibt präzise seine im Buch überall sichtliche Grundeinstellung und sei daher hier in voller Länge zitiert: »Es ist an dieser Stelle auf die geradezu himmelschreiende Einseitigkeit unserer Theorie hinzuweisen. Praktisch all unsere technischen Bezeichnungen, die diese Frühzeit des seelisch-geistigen Lebens beschreiben, leiten sich von objektiven oder subjektiven Erscheinungen der Oralsphäre her, so Gier, Einverleibung, Introjektion, Verinnerlichung, Teilobjekte, Zerstören durch Saugen, Kauen und Beißen, Projektion nach den Modi des Ausspuckens und Erbrechens usw. Leider haben wir es weitgehend unterlassen, unser Verständnis für diese frühen, primitiven Erscheinungen durch Schaffung theoretischer Vorstellungen und technischer Bezeichnungen zu erweitern, welche die Erlebnisweisen, die Bilderwelt und die Bedeutung anderer Sphären in Rechnung stellen. Solche Sphären sind die Wärmeempfindung, rhythmische Geräusche und Bewegungen, leises, unartikuliertes Summen, die unwiderstehlichen, überwältigenden Eindrücke von Geschmäcken und Gerüchen, naher Körperkontakt, taktile und Muskelsensationen, besonders an den Händen, und die unleugbare Macht jedes einzelnen dieser Phänomene und aller zusammen, Ängste und Argwohn, selige Befriedigung und bange, verzweiflungsvolle Einsamkeit hervorzurufen und wieder aufzuheben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß wegen dieser Unterlassung eine Zeit kommen wird, wo man unsere gegenwärtigen Theorien als mangelhaft und einseitig verurteilen wird.« Die Psychoanalyse hat wie keine andere psychologische Theorie des 20.Jahrhunderts der frühen Kindheit eine entscheidende Bedeutung für die weitere seelische Entwicklung zugemessen. Ihre Theorien über diese Zeit gründete sie in hohem Maße auf die Analysen von erwachsenen Patienten und deren Berichte über ihre Kindheit. Diese Quellen sind wichtig, vor allem dann, wenn man mit Kindheitserinnerungen in therapeutischer Absicht umgeht. In diesem Falle ist es weniger bedeutsam, zu überprüfen, ob die berichteten Ereignisse mit dem übereinstimmen, was sich in der Vergangenheit tatsächlich ereignet hat - eine solche Überprüfung ist ohnehin nur in begrenztem Umfang möglich. Vielmehr kommt es in erster Linie darauf an, die in den Erzählungen der Patienten zum Ausdruck kommende seelische Verarbeitung dieser Ereignisse ernst zu nehmen. Dennoch arbeitet jeder Psychotherapeut mit impliziten Vorstellungen davon, wie eine optimale oder normale Entwicklung aussieht. Diese Vorstellungen sind der Bezugspunkt, mit dessen Hilfe er die Schwere von (vermuteten) pathogenen Kindheitsereignissen einschätzt. Insofern sind Theorien über die normale Entwicklung von Kindern ein Grundbestandteil im Rüstzeug eines jeden Therapeuten. Beschränkt man sich aber bei der Konstruktion entwicklungspsychologischer Theorien auf Berichte von Patienten, so haben die auf diesem Wege entwickelten Hypothesen unausweichlich ein pathomorphes »Aroma«, denn es sind Berichte von Patienten, also Menschen, von denen die Psychoanalyse vermutet, daß ihre Kindheit nicht optimal verlaufen ist. Eine Theorie der normalen Entwicklung ist deshalb auf Quellen jenseits der therapeutischen Situation angewiesen. Das vorliegende Buch handelt von Ergebnissen der psychologischen Forschung, die nicht durch Verwendung der psychoanalytischen Methode gewonnen wurden, und überprüft deren Relevanz für die Psychoanalyse. Im ersten Kapitel wird ein Überblick über zentrale Themen der mittlerweile recht lebhaft gewordenen Debatte zwischen Psychoanalytikern und Säuglingsforschern gegeben. Dornes: "Deren Ergebnisse legen nahe, die Symbiose- und die Borderline-Theorie der frühen Entwicklung, die vor allem von Mahler und Kernberg ausgearbeitet wurde, zu revidieren. Beide Theorien sind als Beschreibungen der normalen Entwicklung nur von begrenzter Gültigkeit". Das zweite Kapitel befaßt sich mit den Implikationen der Säuglingsforschung für verschiedene klinisch bedeutsame Phänomene. Dornes schlägt eine Neubetrachtung der projektiven Identifizierung vor und plädiert für eine interaktionelle Ergänzung der bisher weitgehend auf die Analyse intrapsychischer Mechanismen konzentrierten Neurosenlehre. Außerdem zeigt er, daß die direkte Beobachtung der Interaktion zwischen depressiven Eltern und ihren Säuglingen zu Ergebnissen führt, die mit klinisch-rekonstruktiv gewonnenen Hypothesen über die Genese depressiver Störungen übereinstimmen. Im dritten Kapitel geht er der Frage nach, wie Säuglinge denken, und entwickelt eine Drei-Stufen-Theorie des Mentalen: Die ersten psychischen Aufzeichnungen haben die Gestalt sensomotorisch-affektiver Schemata, die mit etwa einem Jahr durch das bildhafte Denken überformt werden. Mit eineinhalb Jahren werden die zunächst »statischen« Bilder flexibler und frei evozierbar. Sie können dann zu Bildsequenzen kombiniert werden - und damit beginnt Phantasieren im anspruchsvollen Sinn. Sein Wesen besteht im Aufbau einer seelischen Innenwelt, in der Ereignisse neu erschaffen werden können, die in der Realität nie stattgefunden haben. Zugleich mit der Fähigkeit zum evokativ-bildhaften symbolischen Denken entsteht als dritter Schritt die sprachliche Codierung des Psychischen. Sie ermöglicht das begriffliche Denken. Knapp ausgedrückt, postulierr Dornes also eine Entwicklung des Mentalen von der Empfindung über das Bild zum Wort. Im vierten Kapitel wird dieses Thema weiterverfolgt. Dornes behandelt einige Schwerpunkte der Nach-Piagetschen Entwicklungspsychologie, wobei er drei Problembereiche in den Vordergrund rückt: 1. referiert er Auffassungen über die Entwicklung des bildhaften Denkens, die sowohl seinen Entstehungsprozeß als auch seinen Entstehungszeitpunkt anders konzipieren als Piaget; 2. behandelt er die Frage, wie die Interaktion zwischen Säugling und Mutter vom Säugling repräsentiert wird - ein Thema, das bei Piaget zu kurz kommt, weil er sich überwiegend mit dem Verhältnis des Kindes zur unbelebten Welt befaßt; 3. skizziert er eine Theorie der Intersubjektivität. Eine solche ist weder bei Piaget noch in der psychoanalytischen Theorie angemessen entfaltet. Dornes: "Meine Kernaussage ist, daß schon der Säugling nicht nur in seinen (Trieb)bedürfnissen befriedigt, sondern als Person anerkannt werden will. Winnicott, Balint und Kohut haben hierzu wichtige Vorarbeiten geleistet, die mit Beobachtungen und Hypothesen der Kleinkindforschung teilweise übereinstimmen." Im fünften Kapitel wird Margaret Mahlers Theorie neu betrachtet. Dornes ist der Auffassung, daß die von der Säuglingsforschung inspirierte Kritik der Symbiosetheorie nach wie vor ihre Berechtigung hat, aber relativiert werden sollte. Zwar gäbe es im Leben des Säuglings keine symbiotische Phase - wie Mahler dachte -, aber wahrscheinlich gibt es symbiotische Momente. Deren Einfluß auf die weitere Entwicklung hänge davon ab, wie die Eltern mit ihnen umgingen. Die Berücksichtigung der Bindungsforschung führten zu dem Ergebnis, daß die von Mahler als universal betrachteten Charakteristika der Wiederannäherungsphase nicht bei allen Kindern vorkämen, sondern nur bei einer Minderheit. Die Kapitel sechs bis neun befassen sich mit den »dunklen« Seiten der menschlichen Existenz. Im sechsten Kapitel stellt Dornes in kurzer Form die beiden wichtigsten »frühen« Ängste vor: die Fremden- und die Trennungsangst. Er arbeitet die Unterschiede zwischen Bowlbys Auffassung und derjenigen der Kleinianer heraus. Seine Sympathien liegen offensichtlich bei Bowlby, und er plädiert dafür, diese Ängste eher als realistisch und weniger als durch Phantasien ausgelöst zu betrachten. Im siebten Kapitel, das zusammen mit Hildegard von Lüpke verfaßt wurde, geht es um das immer noch rätselhafte Phänomen des plötzlichen Kindstodes. Die Autoren betrachten ihn als multifaktorielles Geschehen und konzent