Wenn ich durch einschlägige Fotografie-Foren streife, gewinne ich nicht selten den Eindruck, dass die ausgestellten Aufnahmen allein durch die implementierte Elektronik oder Rückbesinnung auf die Analogfotografie entstanden sind. Kommt es an der ein oder anderen Stelle zur Auseinandersetzung mit Bildinhalten, verzettelt sich die Diskussion in Details und nimmt sehr persönliche Charakterzüge an. Das Anwenden des Goldenen Schnitts und sein bis zum Exzess getriebener Variantenreichtum scheint das Alleinstellungsmerkmal für ein gutes Foto zu sein. Die Absicht des Fotografen sein Motiv genau so abzulichten, sei es intuitiv geschehen oder bis ins Detail geplant, rücken in den Hintergrund.
Der ambitionierte Fotograf durchläuft mit der Zeit verschiedene Entwicklungsphasen. Sie zeigen sich nicht nur in seinen Bildern, sondern sind genauso stark von subjektiv geprägten Ein- und Ansichten gekennzeichnet. Wenn es ihm gelingt, nicht nur ein gewisses Gespür für spannende Motive zu entwickeln und sein bisheriges Tun selbstkritisch zu hinterfragen, dann wird er Zeit seines Lebens nie auf einem Wissensplateau stehen bleiben. Es bleibt die grundsätzliche Frage zu klären: Was macht ein gutes Foto aus und wie kann ich es entsprechend meiner Idee oder der Aufgabenstellung erarbeiten?
Der Titel "Die fotografische Idee - Bildkomposition und Aussage" von Michael Freeman (unter anderem "Der fotografische Blick") scheint mir das dazu passende Buch zu sein. Gleich zu Anfang spricht der Autor von Kommunikation zwischen Fotograf und Betrachter, zitiert Helmut Newton und philosophiert über das aktuelle Schönheitsideal. Auf diese Weise steckt er für den Leser den Claim ab, in dem sich Autor und Leser die nächsten 180 Seiten gedanklich und bildlich bewegen werden.
Die Ausführungen des Autors werden durch zahlreiche Aufnahmen unterschiedlicher Genres flankiert. Hier und da erzählt Freeman seine Geschichte. Ich muss an der Stelle einräumen, dass einige der beschriebenen Fotos erst an diesem Punkt für mich an Bedeutung gewinnen. Zwei Ursachen, die gleichzeitig für mich auch eine Erkenntnis aus dem Buch sind, mache ich aus: Es ist ein Unterschied, ob die vom Autor verwendeten Aufnahmen im Kontext zum eigentlichen Thema stehen oder "lediglich" ein Beispiel in dem vorliegenden Titel sind. Hier bedarf es eben der Erklärung, damit sie für mich als Betrachter verständlich sind. Des Weiteren setze ich als Fotograf mit meinen eigenen Fähig- und Fertigkeiten andere Prioritäten als Freeman in seinem Buch. Beides ist für mich nicht verwerflich und greife deshalb in meinem Lernprozess gern die Sichtweise des Autors als Wissenserweiterung auf. Alles andere wäre ein Streit um das weite Feld der Fotokunst.
Wo Freeman draufsteht, steckt Freeman drin: Einzelne Beispiele werden analysiert und der Bildaufbau, systematisch zerlegt, diskutiert. Wer den eher theoretischen Ansatz mag und anschließend in der Lage ist, das Erlesene in die Praxis umzusetzen, hat mit dem Buch seine Freude. Dazu gesellen sich Beispiele, wie mit der Bildbearbeitung gearbeitet werden kann. Zum besseren Verständnis zeigt der Autor die Varianten im direkten Vergleich. Die digitale Entwicklung am Computer ist ein Bestandteil der modernen Fotografie und demzufolge spielen diese Möglichkeiten in Freeman's Buch eine Rolle. Ich habe nicht das Gefühl, dass der Autor sie über die Fotografie stellt. Alle dem modernen Fotografen zur Verfügung stehenden Mittel fließen ineinander und schaffen gemeinsam das Bild. Das macht das Buch für mich interessant, denn es lässt Spielraum für meine eigenen Gedanken, Schlussfolgerungen und Kreativität. Unabhängig davon ist das Buch auch eine Zeitreise durch die unterschiedlichen Kunststile, wenn auch nicht in Bildern belegt.
Wer detaillierte Rezepte inklusive Kameraeinstellungen und Bildentwicklung erwartet, den wird "Die fotografische Idee" enttäuschen. Stattdessen erfährt der Leser an der einen oder anderen Stelle, welche Mühen und Varianten zu dem einen gewissen Ergebnis führten. Der Leser muss seine Kamera, die Objektive und den installierten Pixelprinzen beherrschen. Damit sind keine Motivprogramme oder irgendwelche Optimierungsautomaten gemeint. Es geht um Handwerk und das Erarbeiten einer neuen persönlichen Entwicklungsphase. Entsprechend den individuellen Möglichkeiten und Gegebenheiten, der so wichtigen Vision des Fotografen und aus Sicht der Kamera letztendlich festgehalten, entwickelt sich die gesuchte Aufnahme eben erst mit der Zeit. Dem Thema widmet Freeman das letzte, ein vielleicht etwas zu kurz geratenes Kapitel.
Fazit
"Die fotografische Idee" führt den Leser in die Ebene der Kommunikation mit dem Betrachter ein. Es zeigt Möglichkeiten auf, wie der Fotograf mit seiner Kamera und der Bildentwicklung visuelle Eindrücke erzeugt, Emotionen weckt und die Fantasie anregt. Für Freeman typisch, legt der Autor eher theoretisch angehauchte Gehwegplatten aus, die der Leser auf seine Praxis angewandt betreten muss. Inwieweit er dabei der Sichtweise des Autors folgt, ist einzig und allein ihm selbst überlassen. Die Fotografie lässt glücklicherweise mehrere Wege zu, um ans erhoffte Ziel zu gelangen. Den Freiraum bietet das lesenswerte Buch.