"Die folgende Geschichte", das Buch des niederländischen Autors Cees Nooteboom, das 1991 unter dem Titel "Het volgende verhaal" erschien, ist ein Buch, das, soviel gleich vorweg, keinesfalls als leichte Bettlektüre geeignet ist; vielmehr handelt es sich, wie bereits die Überschrift zu dieser Rezension erkennen lässt, um ein philosophisches Buch. Doch zuerst kurz zum Inhalt: Hauptfigur dieses Werkes ist Herman Mussert, ein Altphilologe und Lehrer an einer holländischen Schule. Dieser Mann wird vom Autor gleichsam als Prototyp des "verstaubten Altphilologen" eingeführt. Mussert lebt für alte Sprachen, vor allem für das Griechische und liebt diese Sprachen auch. Demgegenüber ist seine Tätigkeit an der Schule eher frustrierend; er kann die Leidenschaft, die er für Griechen und Römer empfindet, kaum an seine Schüler weitergeben. Schon auf dieser Ebene führt der Autor ein Thema ein, das sich durch das gesamte Buch hindurch wie ein roter Faden zieht: Liebe und Leidenschaft und die Beziehung zueinander. Wer nun aber erwartet, dieses Buch würde sich in Darstellungen von körperlicher Liebe ergehen, geht fehl. Darin liegt aber gerade auch das reizvolle dieses kleinen Büchleins. Nooteboom der in anderen Büchern mit, wenngleich auch stets empfindsamer Darstellung von Sexualität nicht geizt, schlägt in diesem Buch in der Gestalt von Herman Mussert ganz andere Töne an. Hier zählt nur die platonische Liebe. Alles andere wird vom Protagonisten gleichsam mit Verachtung bewertet. Platonische Liebe vor allem auch zu seiner Schülerin Lisa d`India, wobei dies die Beziehung dieser beiden Menschen (für Mussert wäre Lisa wohl eher mit einem Engel als mit einem Menschen vergleichbar) nur unzureichend zu beschreiben vermag (Aber ich bin schließlich auch nicht Nooteboom !). Auf der anderen Seite spielt eine weitere Frau eine entscheidende Rolle in dem Leben des Herman Mussert, seine Kollegin Maria Zeinstra. Diese Frau, vom Autor als Gegenpart zu Mussert konzipiert,stellt das Andere dar. Sie: Biologin, Naturwissenschaftlerin Er: Philologe Sie: Gut aussehend Er: Nicht gut aussehend ("Ohne Brille siehst Du wirklich aus wie Sokrates") Sie: Körperlich Er: Geistig (Dabei bitte ich auch diese Aufzählung lediglich als vergröbernde Schwarz-Weiss-Malerei aufzufassen), da, und dies ist ja gerade das Schöne bei Cees Nooteboom und seinen Geschichten, die Ambivalenz der Menschen schön und eingängig dargestellt wird. Neben den bis hierher vorgestellten Personen spielt noch der Mann von Maria Zeinstra, ein Sportlehrer, eine entscheidende, wenngleich auch verheerende Rolle. Dieser Plot, den ich gerade kurz dargelegt habe, macht den größten Teil des Buches aus. Es geht um die Beziehungen dieser verschiedenen Menschen. Aber dies ist nicht das wirklich spannende an dem Buch. Dabei ist Spannung freilich in diesem Zusammenhang nicht mit einem Krimi allá Edgar Wallace oder anderen Kriminalbüchern zu vergleichen. Die Spannung ergibt sich aus dem Mystischen, Unbekannten. Der Leser wird, und das macht der Autor mit Absicht, verwirrt. Der Leser weiß nicht, was er glauben soll. Kann er das glauben, was er da liest? Eigentlich wohl kaum, denn die Vermutungen die sich gegen Ende hin zur Gewissheit manifestieren, klingen für unsere, mitteleuropäisch trainierten Ohren völlig abwegig. Und doch, gerade, wenn man den Autor ernst nimmt, und versucht, sich in Herman Mussert hineinzudenken, ist das Ende gleichsam die logische Konsequenz. Gerade die ständige Verwebung der Geschichte mit Ovids Metamorphosen oder Geschichten aus der griechischen Mythologie ergibt gegen Ende des Buches ein Gesamtbild, über das nachzudenken sich sicherlich lohnt. Losgelöst von der reinen Handlungsebene des Buches gibt es auch noch die ,wie ich meine, hoch philosophische Ebene, v.a. auch in Beziehung auf erkenntnistheoretische Fragen, die es neben den auch ansonsten interessanten Aspekten des Buches, lohnenswert macht, das Buch mit Sorgfalt, Staunen aber auch mit einer gehörigen Portion Abstand zu lesen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)