In der Erinnerung ist ein Nachmittag, ich war nicht älter als zwanzig Jahre, wo das Leben mich mitnahm, zusammen mit einigen Kindern auf ihren Fahrrädern ging es eine steinige Strasse hinunter. Die Steine auf dieser Strasse. Der Staub. Das Beisammensein mit diesen Kindern. Die Zeitreise als Besinnung auf den poetischen Gehalt einer jeweiligen Vergangenheit.
Und so entstand das eigene Leben: Als uneingeschränkte Reflexion entlang der Begegnungen mit anderen Menschen, so brüchig diese Begegnungen auch immer seien mochten. Statt irgendeine Form von ausgewaschenen Existenzialismus also Brüderlichkeit über die Geschlechtsgrenzen hinweg.
Ja, es ist möglich ganz außerhalb von einengenden Vorstellungen zu leben, außerhalb von Geschichten, zeigte mir Brodkey damals mit seinem Werk, und das nicht etwa verzerrt wie es die Postmoderne anbot. Nicht im Licht der eigenen Karikatur, wie die Popart oder Strindberg.
In dem Moment, in dem jemand unterbricht sein Eigenes in Bezug auf alles andere zu reflektieren, setzt die Konvention ein, und mit ihr die Unmöglichkeit von Gegenwart. Brodkey aber klebt sich an die Gegenwart und deswegen ist sein Werk auch keine Suche nach der verlorenen Zeit, sondern ein Atlas mit Karten ins Jetzt. Es geht bei ihm nie nur um Gesellschaft und Individuum, wie bei Musil. Noch nur um Individuen die die Geister der Fiktion sind, wie etwa bei Joyce. Sein Versuch besteht gerade darin das eine immer weitergehender im anderen zu verfolgen und so die Kategorien in denen das Denken von Gesellschaft, Fiktion, Individuum stattfindet nicht weiter zu tragen, sondern Stück für Stück, wie unnötig gewordener Ballast, abzuwerfen. Und das um dem Leben immer vollständiger begegnen zu können.
Bewusstsein dessen, dass Realität immer noch weiter geht. Und keinerlei praktisch angewendeter Symbolismus sollte einen aufhalten ihr zu folgen. "In dem sie ihre Bemerkungen wiederholte, gewann sie fast ein Labor-Verhältnis zur Sprache, zu ihrer Sprache, ihren Absichten, den Menschen und deren Realitätsgefühl." So heißt es einmal in seinem Roman The Runaway Soul. Bei Brodkey geht es immer um solche Bedingungen von Bedingungen. Sprechen bedeutet immer unterwegs zu sein. Er schneidet Dialogfetzen, scharf wie Aphorismen, gegen lapidar hingeschriebene Anekdoten. So untergräbt er den Gegensatz zwischen Denken und Sprechen.
Ausschlaggebend ist dabei für ihn der entgrenzende Impuls von Whitman genauso wie der Begriff der Seele eines William James oder die Linie Poe/Valéry. Hier ein Satz aus Valérys Essay über Poe: "Ich habe die unerschütterliche Vorstellung, dass ein unermesslich verstecktes System jedes gegenwärtige und wahrnehmbare Element meiner Dauer trägt, durchdringt, nähert und aufsaugt, es drängt, zu sein und sich aufzulösen; und dass jeder Moment also der Wendepunkt einer Unzahl von Wurzeln ist, die mit unbekannter Tiefe in eine implizite Ausdehnung - in die "Vergangenheit" hinabreichen, in die geheime Struktur dieses unseres Wahrnehmungsapparats, der sich unaufhörlich in der Gegenwart zusammensetzt."
Die so genannte Vergangenheit als die geheime Struktur unseres Wahrnehmungsapparats: Mögliche Definition für Seele...
Brodkeys Arbeit besteht darin, wie Rilkes Malte es formuliert, den geliebten Gegenstand mit den Strahlen seines Gefühls zu durchscheinen, statt ihn darin zu verzehren. Bei ihm ergibt sich, wie wir sehen werden, ein Netzt, das sich folgendermaßen webt: Beschreibung gegen Beschreibung und Beobachtung gegen Beobachtung. Und so stürzen wir aus allen bloß literatürlichen heraus (ganz im Sinne Whitmans) hinein in eine Komplexität der Wirklichkeit, die nicht die des Dramas mehr ist, sondern die der personifizierten Dramen. Ein Schritt der sich in der amerikanischen Literatur schon mit Faulkner durchzusetzen begann.
Brodkeys ganzes Werk ist ein Kräftemessen zwischen Geschlechtern, Verwandten, Rollen, Sexualpartnern, Rivalen jeder Art und gemeinsam oder gegeneinander antretenden Träumern. Kurz: Die Wissenschaft wie sich Gefühle und Empfindungen voneinander ableiten. Im Zentrum dabei steht zumeist er selbst, als Wiley, einer Figur, in dessen Leben es keine Geschichten gibt, weil sie die Menschen und Dinge liebt, mit denen sie zusammen kommt. Brodkeys Arbeit ist so auch weniger Literatur, sondern schon reines Aufmerken auf die Sprache. Er ist beschäftigt mit jenem mehr an Empfindungen, welches die Menschen in Beziehung zu ihrer Umwelt setzt. "Wir suchen gemäß der großen Linien, und dabei liegt die Wahrheit doch im Buchstabieren", heißt es bei Valéry. Wo berühren sich Brodkey und Valéry? Bei Sätzen wie jenem: "Gefühle sind Vorstellungswerte, die übrigens Vorstellungen einführen oder von ihnen eingeführt werden können."
Wird bei Valéry die Ego-Welt bis zum System gesteigert um durchsichtig zu werden, als das was sie ist, wird sie von Brodkey oft im Gegenüber geortet. So heißt es einmal über Nonie, die Halbschwester von Wiley: "Die Ego-Welt der Träume, ausgedehnt auf ihr Wachleben. Es ist dieses in ihrer Bewegung studieren der Wesen, das Brodkey vorantreibt, und dessen Hauptthema die Konfrontation von Handlung, Empfindung und Sprache/Denken der Personen mit ihren jeweiligen Besonderheiten. ("Sie ist eine, die weiß, was es heißt, im Haufen zuoberst zu liegen.") Das Resultat einer solchen Art zu erzählen ist eine Sprachaufhebung, das heißt: Das Sprechen hört sich von nun ab selbst. Der Geist in jedem Augenblick, - ist nur in jedem Augenblick. Der Geist ist fortwährender Übergang. Wir sehen nicht das, was wir sehnen, sondern das, was das Gesehende uns erwarten lässt.
Könnte man bei Brodkey nicht davon reden, das hier Sensibilität, Gefühle, fiktionalisiert werden? Was ist aber die jeweilige Beziehung zwischen Fiktion und Gefühl? Oder sagen wir es so: Wie wird das Erzählerische selbst zu Sensibilität? Indem sie als Puppenspieler ihrer selbst auftrumpfen, zeichnen sich die Menschen mit jeder Handlung, jedem Wort, ein immer mehr selbstreflexives Portrait. Treten hervor als Seele in den konventionellen Fallstricken des so genannten Lebens.
Indem Brodkey nun jeweils die sozialen Kodierungen mit dem Gesagten mitliefert, entstehen bei ihm Menschen die funktionieren wie das Internet als Ganzes: Aus bruchstückhaften beschädigten Informationen vervollständigt sich erst nach und nach eine jeweils identitätskonstituierende Psyche, als Bewegung des Geistes. Das heißt das bloß Soziale gänzlich aufgehoben durch das Individuelle. Die Öffnung hin auf das Andere filtert letztlich jeden Rest von Existenzialismus, Popart oder Postmoderne hinaus. Als hätte Lévinas Heidegger vergessen. Statt bloß Erzählung also Iteration. Statt bloß Emotion also Kognition. Statt Politik also Geist. Das Konstruktionsprinzip der Natur selbst leben. Kurz: Die Einlösung des romantischen Traumes.
Es gibt in Valérys Versuchen eine Wissenschaft der Sichtweisen zu begründen, folgende Bemerkung: "Jede gewöhnliche Sprache enthält eine Vermischung von Sichtweisen. (...) Mein System besteht schlicht darin, zu unterscheiden zwischen dem, was Gesehen -und dem, was gebildet wird, dem rein "mentalen" und dem Wahrgenommenen usw. , zu beobachten, dass das Ganze Variationen und Fluktuationen unterliegt, und schließlich zu versuchen, Relationen zwischen diesen konstitutiven Bestandteilen des Bewusstseins und dem Dasein herzustellen."
Statt Körper, Geist, Welt (Seele) schreibt Valéry auch Milieu (M), Subject (C) Psychische Reizung (E). Bei Brodkey läuft es gleichzeitig immer mehr oder weniger darauf hinaus das jemand einen anderen Menschen erfahren kann, ihn lieben kann, obwohl er so schwierig ist. ("Das Schwierige definiert mich.") Und dieses Schwierige wird zur Möglichkeit dafür das man "mit den Verlauf seiner Gedanken beschäftigt ist und mit nichts sonst." Also mit MCE. "Während mein Gedächtnis sich mit seinen Absichten verbündet und dann zugibt, dass es dies tut."
Doch Brodkey verlässt beständig die Gefilde des sich selbst beobachtenden valéryschen Geistes und führt darüber hinaus in Zeitlupe vor, das das Mittel wirklicher Erkenntnis ist, was man leichthin Liebe nennt, was aber nichts anderes als Resonanz einer mit sich selbst übereinstimmenden Seele mit der Welt. Bei Valéry gibt es nur die Resonanz der Ausübung. Siehe dazu das Tagebuch von Pozzi. So versteht sich Brodkey darauf im Ansatz die Psychologie der Sprache zurückzugeben. So entwickelt er Handlung entlang der Bedeutung von Redewendungen, ihren Besonderheiten, bei verschiedenen Menschen, einschließlich sich selbst. Die Psychologie der Sprache zurückgeben, wäre dies nicht eine exakte Definition von Liebe?
Kaum jemand hat die Sprache des Körpers so genau studiert wie Paul Ekman, dem Erfinder des facial action coding system, von diesem lernte der Psychologe Dacher Keltner, der momentan in seinem Labor in Berkeley erforscht wie das Gute im Körper verwurzelt ist, kleinste Bewegungen der Gesichtsmuskeln zu erkennen, um Emotionen präzise zu beschreiben. In seinem Buch "Born to Be Good", setzt er dem verbreiteten Menschenbild des rivalisierenden Egoisten jenes eines fürsorglichen Wesens entgegen.
Zum Abschluss noch einmal Brodkey selbst dazu: "Mich interessieren die Probleme von Mitgefühl, Urteilsbildung und Moralität in akuten Situationen (...
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