Hammerwerk. In allen sichtlichen Aspekten einfach nur ein Meisterstück. Anfangend von einer soziologischen Studie über Ästhetik in Frankreich bis hin zur Formulierung von Gesetzmäßigkeiten, was wer, wann, vor allem wie schön findet.
Eine Studie über Ästhetik, was Essenskultur, Kunst im Sinne von Malerei, Sportwahl der Schichten, gerade im Land der Gourmets, ist an sich schon ein getroffenes Thema. Etwas Augenscheinliches im zweiten Blick zu definieren, in die Tiefe zu gehen, zeugt erstens von einem großen soziologischen Verständnis, sowie von einem Talent Dinge dort sehen zu wollen, wo sie am Scheinbarsten eben nur "erscheinen".
Vor allem über dieses Thema nicht nur philosophische Mutmaßungen aufzustellen, sondern empirisch, detailliert ausgearbeitete, sowie dargestellte Phänomene anhand ihrer Vorkommen, sowie ihrer Ursachen aufzuklären, in dieser Art und Weise, zeugt von der Bedeutung und Fähigkeit dieses Soziologen. Das aber kann man natürlich nicht nur ihm zuschreiben, sondern der Soziologie als Wissenschaft an sich, die in der Populärkultur keinen großen Einklang und Anklang gefunden hat.
Das Buch ist inhaltlich klar formuliert, jedoch ist die Sprache, die Bourdieu dabei verwendet, kein einfacher Stoff. Teilweise entgleitet alles in eine so hohe Ausformulierung, dass man es nicht einfach nebenbei zu lesen hat, um es sich verständlich zu machen. Bourdieu will, so vermag es einem zu erscheinen, ein wenig Aufmerksamkeit und Zeitinvestition im Austausch für sein dargebotenes Arsenal von Erklärungen, im eigentlichen Sinne von Aufklärung.
Eine Art mit dem Thema umzugehen, wie es Nietzsche in seiner Götzendämmerung tut, wenn er sagt, er philosophiere mit dem Hammer, so soziologisiert eben Bourdieu, um am Ende des Buches dort anzugelangen, wo man auf den ersten Blick nicht hinkommt, nämlich den Selektionsprinzipien der Kunst, sowie deren Distinktionsmöglichkeiten. Kunst wird künstlich geschaffen, es gibt keine Kunst an sich, sondern alles, was als Kunst postuliert wird, entsteht aus einem gewissen Grund, am meisten aus dem heraus, sich abzugrenzen von jenen, die eben Kunst anders definieren als man selber. Kunst als Spiegel dessen, wo sich jemand abgrenzt, gleichzeitig als was sich jemand definiert.
Was ich störend finde, dafür kann aber Bourdieu nichts, ist der Titel des Buches. Im Französischen heißt es "La Distinction", was den kritischen Inhalt und die Aussage vorwegnimmt, im Deutschen jedoch impliziert der Titel "Die feinen Unterschiede" eine kritiklose Haltung, die alles sagen könnte, aber nichts wirklich sagen möchte, sagen würde. Vielleicht hätte man sich mit "Die Distinktion" einen Gefallen getan, aber ganz gleich, wie es nun zu heißen vermag, an seiner Wirkungs- und Aufklärungskraft verliert dieses Buch dennoch nichts.
Bevor man stirbt, sollte man es gelesen haben, um nicht in die Versuchung zu gelangen, zu glauben, dass Unterschiede in den Schichten naturgegebene Phänomene sind, sondern menschlich konstruiert, um sich abgrenzen zu können, um sich seiner Herrlichkeit bewusst zu werden, sie erst zu situieren, gleichzeitig aber, darin liegt das Hauptaugenmerk, andere, die dem nicht entsprechen, auszugrenzen und als minderwertig darzustellen. Das ist der Sinn des Buches, dies klarzumachen.