„Die falsche Fährte" ist im dtv nach der „Fünften Frau" erschienen, also nicht in der „richtigen" Reihenfolge. Das ist nicht weiter schlimm, sollte aber zumindest nicht dazu verleiten, „Die falsche Fährte" als Abklatsch oder zweiten Aufguss der „Fünften Frau" anzusehen - wenn überhaupt, dann verhält es sich gerade umgekehrt. Wenn überhaupt: in der Musik ist es nicht unüblich, Variationen zu einem Thema auszugestalten - warum sollte ein Krimiautor nicht auch diesen Weg gehen können?
Wallander und Kollegen sehen sich mit einer grausigen Mordserie konfrontiert. Nachdem bald Klarheit darüber herrscht, dass es sich in allen Fällen um ein und denselben Täter handeln muss, ist es die wichtigste und vordringlichste Aufgabe des Ermittlungsteams, Zusammenhänge, Berührungspunkte, Verbindungslinien zu erkennen. Solche zeichnen sich zwischen den ersten beiden Opfern auch schnell ab - aber Wallander ist erfahren genug, um die Ermittlung nicht zu einseitig nur in eine Richtung voranzutreiben; immer sieht und ahnt er die Gefahr, sich auf einer falschen Fährte zu befinden.
Der Leser ist in einer glücklicheren Position, er weiß mehr, da er die Geschehnisse auch aus Sicht des Täters miterlebt; etwa zur Mitte des Buches hin kennt er bereits die Identität des Täters. In meinen Augen tut das der Spannung aber keinen Abbruch - im Gegenteil liegt hier gerade der besondere Reiz. Wie kommt Wallander den Dingen (von denen wir als Leser wissen) auf die Spur? Wie deutet er die kleinen und kleinsten Zeichen und Hinweise (die wir ohne weiteres verstehen)? Ordnet er die Geschehnisse (deren Hintergründe und Motive wir kennen), richtig ein? Gerade diese Fragestellungen, die der Leser im Verlauf der story immer aktiv (mit-)verfolgen kann, stehen im Mittelpunkt der Lektüre und machen „Die falsche Fährte" so interessant; wir haben hier eben kein einfaches „whodunit?", in dem ein genialer Ermittler einsam seine Schlüsse zieht und am Ende einen Täter präsentiert, mit dem sonst niemand gerechnet hätte. Wer Krimis nach solchem Strickmuster vorzieht, sollte allerdings die Finger von „Die falsche Fährte" lassen.
Nein, Mankell schildert hier sorgfältig und nachvollziehbar die oftmals kleinteilige Ermittlungsarbeit; und dazu gehört es auch, dass die einzelnen Indizien in Gesprächen mit den Kollegen immer wieder durchgegangen und neu bewertet werden, um schließlich zu einem (hoffentlich) passenden Gesamtbild zu gelangen. Dazu gehört auch, dass Fakten zusammengetragen werden, die vielleicht zur Aufklärung des Falles gar nichts beitragen - Wallander kommentiert: „Dann wissen wir das". Und schließlich gehört dazu, dass zwar die richtigen (der Leser weiß es: die entscheidenden...) Fragen gestellt, aber nicht immer die richtigen Antworten gefunden werden.
Um es kurz zu sagen: „Die falsche Fährte" bietet auf etwas über 500 prallen Taschenbuchseiten Spannung und Krimivergnügen pur!