Wenn man mich fragen würde, welches Buch ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, "Die fünf Sinne" von Michel Serres gehört auf jeden Fall in die engere Auswahl.
Serres beschreibt in diesem Buch nicht zum hundertmillionsten mal die technische Funktionsweise des menschlichen Sinnenapparats. Wer einen Blick ins Inhaltsverzeichnis wirft, wird bei Kapitelüberschriften wie "Segel, Hülle, Schleier", "Visite", "Landschaft (lokal)", "Der gemischte Ort" etc. eine solch hardwarelastige Einengung auch gar nicht vermuten. Serres nimmt statt dessen seinen Leser an die Hand, führt diesen zurück in seine Innenwelt und erzählt (nicht "erklärt"!) diesem, wie er sich in seiner inneren und der äußeren Welt (was immer das sein mag) verhält und warum. Als Leser bleibt man ab und zu stehen und erkennt dabei Sachverhalte, die er im Buch nicht gelesen hat. Am Ende des Buchs verbleibt im Leser eine gesteigerte Sensibilität, eine schärfere (Selbst-)Wahrnehmung. Und: Die Grenzen der eigenen Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit werden ohne schmerzhafte Belastungen erweitert, selbst dann, wenn man mit Herrn Serres nicht d'accord geht.
Ein weiterer Lerneffekt ist die Meta-Erkenntnis, dass nichts Einfach ist, dass nichts einfach zu erklären ist, dass die Reduktion von Komplexität unterhalb eines angemessenen Maßes lediglich zu innerer Verkrüppelung und zu Fehlwahrnehmungen führt. Eingefleischte Statistiker und knallharte Logiker bzw. Anhänger der analytischen Philosophie seien hier gewarnt: Sofern das Buch seine Wirkung tut, der Schock wird verheerend und nachhaltig sein!
Serres Sprache ist klar und alltagssprachlich gefärbt (man muss sich seine Hörner also nicht an Wittgenstein oder Heidegger abgestoßen haben, um ihn zu verstehen), gelegentlich formuliert er seine Sätze mit einem poetischen Grundton. Seine Bilder bzw. Metaphern sind einfach nachvollziehbar, haben aber eine frappante Wirkung: Sie regen den Leser unwillkürlich zum Weiterdenken an, denn sie speisen sich aus einer alltäglichen Wahrnehmungs- und Erfahrungssphäre. Die Denk- und Argumentationsstruktur, die Serres entfaltet, ist eher rhizomatischer, also vielfach verzweigter, hierarchieloser Natur. Trotzdem verliert man nie den roten Faden, statt dessen wächst im Leser eine Erkenntnis heran, vielfältig und nachhaltig.
Um die philosophischen Ansprüche dieses Buches zu begreifen benötigt man kein abgeschlossenes Magisterstudium in Philosophie (ein Bachelor reicht), und selbst philosophisch Interessierte bleiben nicht blöd zurück, sondern werden ebenso gern an die Hand genommen.
Das Buch taugt leider nicht dazu, um damit in philosophischen Seminaren und Gesprächskreisen zu posen, dazu ist Serres sowieso zu unpopulär und zu wenig radikal; Derrida, Foucault und Deleuze sind da beeindruckendere Namen zum gelegentlichen wirkmächtigen Fallenlassen.
Neurophysiologen und deren Apostel seien übrigens gewarnt: Gleich im ersten Kapitel spricht Serres von "Seele"! Hoffentlich habe ich Sie hiermit vor der Peinigung derselben durch den Gebrauch solcher und ähnlicher Begriffe bewahrt. Es wäre mir ein mitmenschliches Anliegen.