Mythen, Märchen, Sagen oder Romane haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie sich nicht an Natur-Gesetze halten müssen. Da wird es bei Ikarus immer heißer, je höher er fliegt, da erwacht ein Yankee aus Connecticut plötzlich im Mittelalter oder ein dreijähriger Oskar Matzerath kann sein Wachstum anhalten, um als blechtrommelnder und glaszersingender Gnom weiterzuleben.
Auch der junge amerikanische Autor Andrew Sean Greer verbiegt die Gesetze von Zeit und Raum, wenn er die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli erzählt. Sein Held kommt 1871 als Greis zur Welt, mit der ärztlichen Prognose 70 Jahre später als Säugling sterben zu müssen, er lebt also sein Leben verkehrt herum. Seine Eltern merken bald, was sie da geboren haben und versuchen das Monsterdasein ihres Kindes geheim zu halten. „Sei der, für den sie dich halten", beschwört ihn seine Mutter und Max Tivoli hält sich daran und spielt im Alter von zehn einen 60jährigen, weil er genau so aussieht.
Nur einer erfährt das Geheimnis und wird es ein Leben lang hüten: Hughie, der sich mit Max anfreundet, obwohl er findet, sein neuer Kumpel sehe aus wie Senator Roosevelt im Matrosenanzug. Hughie bleibt die eine große Konstante im Leben von Max Tivoli. Sie verändern sich gemeinsam aber spiegelbildlich der eine wird alt der andere jung - und sie erkennen dass beides einen ähnlichen Preis hat.
Zeitweise allerdings verlieren sie sich aus den Augen, schon deshalb weil Max häufig den Wohnsitz, die Arbeit und den Namen wechseln muss - immer dann nämlich, wenn der Umwelt nicht mehr klar zu machen ist, warum er ständig jünger aussieht. Wie soll er das um Beispiel der 14 jährigen Alice erklären, die Tür an Tür mit dem äußerlich 53jährigen, aber innerlich pubertierenden Max lebt. Alice wird seine große Liebe, doch erst ist er zu alt für sie und später zu jung. Zwischendrin - in der Mitte ihrer beider Leben, als auch Max so alt aussieht, wie er ist - gelingt es ihm unter falschem Namen, sie zu erobern, zu heiraten und für ein paar Jahre glücklich zu sein. Doch sie verlässt ihn und das hat gar nichts mit seinem Monsterdasein zu tun, sondern damit, dass ihr das Glück zu zweit nicht ausreicht. Max wird Alice - wieder incognito - erst viele Jahre später wieder sehen, sie und ihren gemeinsamen Sohn, der inzwischen zehn ist, genauso alt wie sein Vater als 60jähriger aussieht. Max liebt Alice immer noch - vergeblich, das einzige Glück, worauf er nun hofft, ist dass sie ihn adoptiert.
Wer als Dichter derart die Naturgesetze verbiegt, muss tricksen. Weil Max Tivoli natürlich nicht als ausgewachsener 70jähriger dem Mutterschoß entspringen kann, ist er bei der Geburt zwar verhutzelt wie ein Alter, aber durchaus in Säuglingsgröße. Und weil es nicht durchzuhalten gewesen wäre, ihn als Kind dann immer kleiner werden und sterben zu lassen, ohne dass die Umwelt es merkt, beschließt er als Zehnjähriger, sich selbst aus dem Leben zu verabschieden. Doch Tricks sind jedem Dichter erlaubt, sofern die Geschichte, die er zu erzählen hat, nur recht spannend ist, sofern sie uns mitreißt oder rührt, zum Lachen, Weinen oder Nachdenken bringt. Das Problem liegt also nicht bei den Tricks sondern darin, dass Greers Buch eine Idee zugrunde liegt, mit der Betonung auf eine und auf Idee. Das Buch wirkt so, als hätte der Autor gedacht: Einen Roman mit ganz normalen Menschen, ein Buch über ihre unerfüllte Sehnsucht, über Liebe, Freundschaft, Verlust, Altwerden und Tod kann man nicht so einfach schreiben. Es muss schon ein besonderer Dreh her. Das Buch Greers gehört in eine bestimmte Kategorie von Büchern, für die „Das Parfüm" von Patrick Süßkind wohl das bekanntest Beispiel abgibt. Diese Romane leben von diese einen Idee, der alles andere untergeordnet wird. Die Charaktere bleiben schablonenhaft, die Handlung bruchstückhaft, die Gefühlsschilderungen rutschen immer wieder ins Klischee ab. Auch Greer hat durchaus etwas zu erzählen, doch man wird das Gefühl nicht los, der Stoff reicht allenfalls für eine kurze Erzählung. Vielleicht ist Greer ja der Ungleichzeitigkeit seines Helden Max Tivoli näher als er glaubt - der Autor ist noch sehr jung, versucht aber zu schreiben wie ein alter weiser Mann - vergeblich.
Peter Tomuscheit
P.S. Die Idee eines "Rückwärts-Lebens" hat übrigens schon F. Scott Fitzgerald in seiner Erzählung "The Curious Case Of Benjamin Button" verarbeitet.