Eine österreichische Ärztin besucht in London eine Ausstellung zu Exilschriftstellern. Hergeführt hat sie ihr Interesse an Gabriel Hirschfelder; ihr Ex-Mann, selbst Schriftsteller, hat diesen Exilanten nämlich stets bewundert und ihm ein eigenes Buch gewidmet. Ihr anfangs eher mildes Interesse steigert sich, nachdem sie im Gespräch mit der Witwe des Schriftstellers erfahren hat, dass Hirschfelder während der Kriegsjahre einen Mord begangen haben soll. Sie beginnt nachzuforschen und trifft sich mit zwei Ex-Frauen Hirschfelders, um Näheres über ihn zu erfahren. Daraus erwächst dann eine zweite Erzählebene, auf der die Erzählerin – in der 2. Person – sich an die Geschichte Hirschfelders herantastet, sich sein Schicksal anverwandelt, wobei sie zum Teil die bei ihren Recherchen gewonnenen Informationen verwendet, teilweise aber auch ihre Einbildungskraft spielen lässt. So entsteht ein spannendes Experiment über die Frage, was es heißt, einen Menschen oder ein Menschenschicksal zu „kennen“.
Die in den 40er Jahren spielenden Kapitel sind vielleicht für manche nicht leicht zu lesen, weil da verschiedene Stimmen wie in einem Teppich ineinandergewoben sind – die Stimme der Erzählerin, die Stimme Hirschauers, und die Stimmen derjenigen, die um ihn herum sind und über sein Schicksal entscheiden. Das Gespräch der Wachen im Internierungslager, die Gespräche von Hirschauers Pflegeeltern – was und wie über einen gesprochen wird, wird zur Entscheidungsfrage über sein Schicksal. Insofern ist das Erzählen über Hirschauer in Gstreins Roman die Fortschreibung einer Existenzbedingung: menschliche Identität wird konstruiert in den Erzählungen über einen, und man ist nicht Herr über die einen selbst betreffenden Erzählungen. Deutlich wird das auch noch am Ende des Romans, als ein Geheimnis über die Identität der Erzählerin enthüllt wird, das ebenso überraschend und spannend ist wie das Geheimnis um den „Mord“ Hirschauers.