Es ist schon beeinduckend, wie André Gide es vermag, daß Innenleben einer Frau, ähnlich wie Flaubert, darzustellen;
Ich werde Alissas Tagebuch niemals vergessen, ihr Schreien, ihr Flehen. Gleichzeitig wirkt Jérôme hilfos, ohnmächtig, gelähmt; man würde sich manchmal mehr Courage von ihm wünschen. Auch sein Verhältnis zu Juliette bleibt zweideutig.
Ich habe selten ein Buch(im Original)so genossen, bzw. intensiv erlebt, wie "La porte étroite", das sicher in einer Tradition der französischen Erzählung steht, die es auf die tiefe psychologische Betrachtung anlegt, welche mit dem Skandalroman "Madame Bovary" begann, wobei Gide den schwierigen persönlichen Bezug zum Glauben herstellt, der bei Alissa in fast mystische Formen mündet. Ich werde den Eindruck nicht los, daß Emma Bovary und Alissa Opfer ein und der selben engstirnigen
Doppelmoral sind, die man im prüden neunzehnten Jahrhundert zu bedienen pflegte, ohne unsere Zeit damit vor ihr verteidigen zu wollen; beide enden in religiöser Verzückung, die um ein Vielfaches ehrlicher ist, als die ritualisierte, männlich geprägte Steifheit eines Gottesdienstes, und schon immer war es Gide ein Anliegen, diese Bigotterie zu entlarven, denn die Opfer der Gesellschaft bleiben diejenigen, die nicht konform oder zu konform leben, und sich dabei selber verlieren.