"Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft", geschrieben von einem geopolitischen Berater mehrerer US-Regierungen. Das riecht förmlich nach Neokonservatismus, Neoimperialismus und "Clash of the Civilisations" à la Paul Wolfowitz und Samuel Huntington.
Doch da täuscht man sich. Brzezinski analysiert kühl und mit Augenmaß.
Er stellt zunächst fest, dass es noch nie eine so umfassende Weltmacht gegeben hat wie die USA es heute sind. Das ist in meinen Augen richtig.
Anschließend stellt er die Frage, ob eine Welt mit "Pax Americana" ein besserer oder ein schlechterer Ort ist als eine Welt, in der die Vorherrschaft Amerikas gebrochen ist. Er kommt zu dem Schluss, dass letzteres Szenario wahrscheinlich das instabilere und kriegerischere sein dürfte.
Deshalb sei es im Interesse Amerikas und auch der übrigen Welt, die derzeitigen Verhältnisse stabil zu halten.
Als nächstes fragt er, wie die amerikanische Vorherrschaft in den nächsten Jahrzehnten gefährdet werden könnte. Antwort: Nur auf eine Weise, nämlich dadurch, dass die bestimmenden Spieler der eurasischen Landmasse - Europa, Russland, Ostasien - eine gemeinsame Position gegen Amerika einnehmen.
Darauf baut Brzezinski seine Politikempfehlung: Möglichst gute Beziehungen zu den wichtigsten Spielern Eurasiens aufbauen und keinen von ihnen unnötig verprellen.
Die US-Militärpräsenz in Europa und Ostasien zu erhalten versuchen und dabei Konflikte zwischen regionalen Playern zum eigenen strategischen Vorteil nutzen.
Brzezinski schreibt von Stabilisierung; und nichts von Dominanz, Sendungsbewusstsein, Kampf der Kulturen oder gar Präventivkriegen. Allerdings möchte er für Amerika einen Fuß in jeder geopolitischen Türe.
Interessant ist, dass George W. Bushs Außenpolitik, die ja ebenfalls eine bleibende Vorherrschaft Amerikas zum Ziel hat, in fast allen Punkten Brzezinskis Empfehlungen entgegen steht:
- Während Brzezinski die Einigung Europas fördern und eine dauerhafte transatlantische Partnerschaft will, versucht Bush die Staaten Europas gegeneinander auszuspielen
- Während Brzezinski nichts so fürchtet wie ein Zusammenrücken der entscheidenden Spieler Eurasiens (Dtl./Fr.;Russland;China) gegen Amerika, nimmt Bush dies im Irakkrieg in Kauf
- Während Brzezinski langfristige Partnerschaften aufbauen will, sucht sich Bush "Coalitions of the Willing"
- Brzezinski ist für eine vorsichtige geopolitische Hegemonie Amerikas mittels einer Art "Balance of Powers" in Eurasien, während Bush auf militärische Dominanz und Durchsetzung regionaler amerikanischer Interessen setzt.
Folgerichtig hat Brzezinski in Sachen Irakkrieg eine skeptische Position eingenommen.
Das Buch ist flüssig und verständlich geschrieben, argumentiert ausführlich und schlüssig und vermittelt nebenbei ein breites Spektrum an geo- und regionalpolitischen Zusammenhängen, die das strategische und taktische Agieren der Staaten verständlich machen.