Neue Zürcher Zeitung
Mal di vivere
Paveses einsame Frauen
Im Zentrum von Cesare Paveses Roman «Die einsamen Frauen» aus dem Jahre 1949 stehen zwei Protagonistinnen, beide erfüllt mit Lebensekel, beide ergriffen von existentieller Langeweile und einem Gefühl der Leere und Einsamkeit. Clelia Oitana, die Ich-Erzählerin des erstmals 1960 auf deutsch erschienenen Buches, kehrt nach einem langen Aufenthalt in Rom in ein winterliches Turin zurück, das gerade Karneval feiert. In der Modebranche zu Ansehen und Geld gekommen, will sie in ihrer Heimatstadt eine Boutique eröffnen. Sie lernt eine Gruppe reicher Wichtigtuer und weltmännischer Pseudokünstler kennen, besucht langweilige Parties und verkommene Bars, beteiligt sich an blasierten Gesprächen und an Spritztouren an den Strand oder in die Berge. In derselben Gesellschaft verkehrt die zweite Hauptfigur: Rosetta, eine junge Angehörige der Turiner Hautevolee, die kurz zuvor einen Selbstmordversuch begangen hat.
Der Kern von Paveses Roman ist die unterschiedliche Antwort dieser beiden Frauen auf ein als nutzlos empfundenes Leben, für das der Karneval, das Theater und das Glücksspiel als Embleme stehen. Clelia flüchtet vor der Oberflächlichkeit aller menschlichen Beziehungen in ein stoisches, mühselig aufrechterhaltenes Arbeitsethos. Beruflicher Aufstieg und gesellschaftliches Ansehen werden ihr zum Rettungsanker, obwohl sie sich der Kompromisshaftigkeit dieser Haltung bewusst ist. Rosetta hingegen findet keine Existenzkrücke. Sie zerbricht an ihrer inneren Leere und begeht am Ende doch noch Selbstmord. Paveses Tagebuchaufzeichnungen während der Niederschrift des Romans zeigen, wie tief Schicksal und Lebensgefühl der beiden weiblichen Romanfiguren in seiner eigenen Existenz wurzeln. Wie Clelia setzte Pavese auf die Arbeit als Rettung gegen das sein ganzes Dasein überschattende mal di vivere. In einem Tagebucheintrag vom 10. April 1949 bezeichnet er ein Leben ohne Vertrauen in den Beruf als Schrecken und Wüste. Doch es ist das Ende Rosettas, welches das Schicksal des Autors literarisch vorwegnimmt: gut ein Jahr nach Beendigung des Romans wählte Pavese in einem Turiner Hotelzimmer den Freitod.
Sandro Benini
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
»Vielleicht ist das wahre Ideal Paveses der Mensch, der die ganze traurige Weisheit dessen besitzt, der weiß, und die überzeugte Selbstgenügsamkeit dessen, der handelt: so wie Clelia, die Modistin aus Die einsamen Frauen.« Italo Calvino »Sein Stil ist schnörkellos, realistisch und doch voller Anmut und Tiefe.« DRESDNER MORGENPOST/ 13.08.08 »Damals in Italien war das eine Sensation und heute, in der neuen Übersetzung Maja Pflugs, liest sich das fast wie aus unserer Welt - spröde, unmittelbar und zeitnah. Eine empfehlenswerte Wiederentdeckung.« DEUTSCHLANDRADIO KULTUR/ Verena Auffermann/03.09.08 »Vergleicht man die beiden deutschen Fassungen, jene aus dem Jahr 1960 und die aktuelle von Maja Pflug, staunt man darüber, wie schwer es damals fiel, diese glasklare, alltagsnahe, an amerikanischen Vorgängern und Zeitgenossen durch eigene Übersetzungsarbeit sehr bewusst geschulte Sprache angemessen zu übertragen. Erst jetzt lässt sich die `musikalische Magie´, die sie einst auf Walter Jens ausübte, im Deutschen so recht nachvollziehen... « DIE ZEIT/ 04.09.08/Kristina Maidt-Zinke