Essie Spreckelmeyer ist 30 Jahre alt und unverheiratet. Essie Sprecklmeyer ist das, was man eine Alte Jungfer nennt. Nicht Willens, diesen Zustand weiterhin hinzunehmen, nimmt die resolute Essie die Zügel in die Hand und macht sich auf die Suche nach einem geeigneten Ehemann. Das Unterfangen erweist sich als schwierig, weil Essie unkonventionell und eigenwillig ist. Sie fährt Fahrrad - fast schon ein Skandal zur damaligen Zeit - und ist eher kumpel- als damenhaft. Eine Tatsache, die bei den Männern nicht ankommt. Als der charmante Adam in die Stadt kommt, scheint sich Essies Blatt zu wenden....
Deeanne Gist zeichnet das Bild einer Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist, einer Frau, die einerseits lebensklug ist, andererseits trotz ihres Alters oft ziemlich naiv wirkt. Essie ist unglücklich, weil sie sich nichts mehr wünscht als einen Mann und Kinder, ihr dieser Wunsch aber bislang nicht erfüllt wurde. Die Autorin lässt hier über lange Passagen des Buches offen, welchen Weg Essie gehen wird, bzw. - und hier kommt der deutlich christlich geprägte Unterton des Buches zum Tragen - welcher Weg ihr von Gott gewiesen wird. Dieses Buch lässt mich ein wenig zwiegespalten zurück. Einerseits hat mir die Art und Weise, in der Deeanne Gist Essies Geschichte erzählt, ausnehmend gut gefallen. Essie ist liebevoll gezeichnet, ebenso wie die anderen Bewohner der Stadt: skurril, ehrgeizig, bieder, herzlich, distanziert - alle Charaktere sind hier vertreten. Ich hab streckenweise viel Spaß gehabt, wenn ich Essie bei ihren Rollschuhlauf-Versuchen oder ihren Schlangenfang-Aktionen begleitet habe. Andererseits hat mich die stark christliche Prägung im letzten Drittel des Buches teilweise arg strapaziert. Ich hab den erhobenen Zeigefinger zwischen den Zeilen mit der Botschaft "Gott leitet alle unsere Weg, er bestimmt unser Schicksal und wir sollten uns ganz ins eine Hand begeben" ständig vor Augen gehabt. Hier ist mir die eigene Gesinnung der Autorin zu stark in die Geschichte eingeflossen und gerade beim letzten Gespräch zwischen Vater und Tochter hatte ich beim Lesen das Gefühl: Hier spricht ein Priester mit einer Nonne, aber das ist doch kein "normales" Gespräch zwischen Vater und Tochter. Zumal bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht deutlich war, wie religiös die ganze Familie offenbar ist. Dieser Aspekt stand lange Zeit eher im Hintergrund.
Das Ende hingegen, Essies letzte Entscheidung, fand ich konsequent und glaubhaft (wenn auch für das 19. Jahrhundert recht fortschrittlich). Ein anderes Ende wäre für mich nicht stimmig gewesen.
Es ist ein schönes Buch, das einem beim Lesen in die Zeit zwischen "Unsere kleine Farm" und "Die Waltons" zurückversetzt. Eine Zeit des Familienzusammenhaltes, des Gemeinschaftssinnes, der Annehmlichkeiten und der Widrigkeiten, die das Leben in einer kleinen Stadt mit sich bringt. Für die starke christliche Ausrichtung im letzten Drittel gibt es kleine Abzüge. Insgesamt habe ich mich gefreut, die Bekanntschaft von Essie Spreckelmeyer gemacht zu haben, einer eigenwilligen Frau, die ihren eigenen Weg im Leben geht.