2002 kommt es in der indischen Stadt Ahmedabad zu einem blutigen Konflikt zwischen Muslimen und Hindus, bei dem auf grausamste Weise unzählige Menschen sterben.
Der Autor greift drei (fiktive) Einzelschicksale heraus, um an ihnen die moralische Entwicklung seines "Helden" zu demonstrieren.
Dieses Buch schildert die Apokalypse und es tut es auf apokalyptische Art: der Leser wird in einen Strudel von unvorstellbaren Grausamkeiten gerissen, aus denen er sich nicht mehr befreien kann. Wenn er am Ende der Lektüre auftaucht, bleibt er verstört zurück: dies war wohl die Absicht, die Raj K. Jha verfolgte, als er sein furioses Plädoyer für die in Gewaltexzessen zu Tode gekommenen schrieb, das sich letztendlich dennoch den (Über)Lebenden zuwendet.
Man muss mutig sein, um sich nicht der üblichen Wollust des Lesens hinzugeben und das Buch nach den ersten Grausamkeiten beiseite zu legen.
Und doch lohnt sich die Lektüre: kein Fernsehbericht, keine Dokumentation über Gewalt wie sie sich in aller Welt täglich abspielt, kann so aufrütteln wie ein Buch wie dieses. Jha weiß sehr wohl, dass die menschliche Phantasie ein unglaublicher Multiplikator ist, er bedient sich dieser Erkenntnis souverän und - legitim.
Mit variierenden stilistischen Mitteln versucht er, seine Leser emotional zu bannen, versucht gewissermaßen, ihrer immer wieder habhaft zu werden. Und es gelingt ihm.
Einmal eingetaucht in das unheimliche, blutige Universum dieser Romanwelt, will der Leser unbedingt wissen, ob er moralisch daraus entrinnen kann - er kann. Jha beantwortet die Frage nach der Schuld jedes einzelnen, indem er die Figur seines Protagonisten Jay schuf. Jay, der bei den Ausschreitungen zwar nur Zuschauer ist, aber nichts gegen die Gräueltaten unternimmt, steht zugleich für unbedingte Hingabe an das Leben, in Gestalt des rückhaltlos Fürsorgenden. Dabei steht sein neugeborenes Baby in seiner grauenhaften Unförmigkeit für menschliche Untaten, für unmenschliche Taten, mit seinen"perfekten Augen und seinen perfekten Brauen" für Sicht, Einsicht, Erkenntnis. Erst als Jay fähig ist, seine Mitschuld an dem Massaker zu erkennen und einzugestehen, wird der Weg frei in ein neues Leben, in dem Hoffnung auf Menschlichkeit wieder Platz hat und Chimären - die Toten - keine Macht über die Lebenden mehr haben.