Ich habe nun vom >>Mammut << alle ersten sechs Teile zu Ende, und diesen ersten Teil schon mindestens drei Mal gelesen. Meiner ursprünglichen Kritik vom 12. November folgt der Versuch einer Charakteristik der ersten sechs Teile. Es soll beschrieben werden, was diesen Zyklus ausmacht und wie dieser umgesetzt ist, natürlich ohne dabei so viel Inhaltliches zu verraten, dass die Spannung aus einem der Bände genommen werden könnte.
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Außergewöhnliche und darum sehr interessante Fantasy
Dieses Buch führt in den Mammut-Zyklus ein. Es wird der Ort des Geschehens sowie die gesellschaftlichen Verhältnisse beschrieben.
Anders als bei einer typischen High-Fantasy-Geschichte fehlt hier der schwertkämpfende Held a la Aragorn, dem so gut wie nichts aus der Bahn werfen kann, oder der noch unbedarfte Zauberlehrling, in dem das gewisse Etwas steckt, um die Welt vor dem Bösen zu retten.
Der Held in dieser Geschichte ist ein Schreiber. Dieser Umstand führt dazu, dass man sich sehr schnell in die Hauptfigur einfühlen kann, da wir in Deutschland selbst überwiegend als Dienstleister tätig sind. Die zentrale Figur bekommt ein Schwert in die Hand und sollte es zu führen verstehen, wenn er sich und seine schöne Begleiterin vor der rauen Welt schützen will, er muss bereit dazu sein auch Gewalt anzuwenden, um beauftragte Ziele erreichen zu können. Diese damit verbundene problemhaltige Umstellung der Lebenshaltung kann der Leser nur zu gut nachvollziehen.
Nach der Einführung erfolgt das Zusammenfinden von den Gefährten, die Zusammenstellung der Gruppe von Menschen, die sich das Mammut nennt. Und das ist wohl das einzige, was noch an Tolkiens HdR erinnert. Es war spannend zu lesen, wer sich dem Mammut anschließt. Inmitten ihres ersten Auftrags kommt es zu einer Situation, die meines Erachtens erneut relativ untypisch für eine Fantasygeschichte ist. Die Gefährten werden von denen als unbesiegbar geltende Kruhnskrieger gefangen genommen und zur Arbeit gezwungen. Ein anderer Fantasy-Autor hätte die Befreiung der Gefangenen z. B. binnen kürzester Zeit in einer spektakulären Szenerie beschrieben. Hier jedoch scheint die Gefangenschaft eine Ewigkeit anzudauern, was der Gefangenschaft eine gewisse Tiefe verleiht.
Die Hauptcharaktere werden allesamt super beschrieben, sodass der Leser fast jeden ins Herz schließt und das Umweltproblem, Gewässerverschmutzung, wird sehr intelligent in das Abenteuer eingebunden, sodass der Leser sich keineswegs damit belästigt oder gar gelangweilt fühlen muss, von besserwisserischen oder aufklärenden Moralpredigten lesen zu müssen.
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Dieser Mammut-Zyklus ist auf insgesamt zwölf Bände geplant. Diese hohe Anzahl kann erschreckend wirken, weil man befürchten könnte, dass man diese Reihe nie zu Ende gelesen bekommt, wenn man sie einmal angefangen hat, weil z.B. der Verlag den Hahn plötzlich zu dreht. Dazu sei gesagt, dass Tobias O Meißner absolut dazu gewillt ist, sein selbsternanntes Lieblingsprojekt zum Ende zu bringen.
Entstanden ist dieser Zyklus auf Grundlage eines in den 90-er Jahren erarbeiteten Gesamtplots für einen Roman, den Tobias O Meißner wiederum mit Freunden innerhalb von sieben Jahren (in zwölf Sitzungen) als Rollenspiel durchgespielt und dokumentiert hat. Aus diesen Rollenspielergebnissen schrieb er dann wiederum diese Romane. Somit kommt der >>Mammut<<-Geschichte eine vom Autoren unabhängige Variable hinzu, die sich in den Entscheidungen oder Handlungsweisen der Rollenspieler ausdrückt, nicht alles ist also rein Autorenbestimmt.
Jeder Einzelband funktioniert für sich, enthält also eine abgeschlossene Geschichte. Allerdings sollte man schon ein Teil nach dem anderen lesen, um wirklich mitbekommen zu können, wie sich nicht nur die Geschichte sondern auch die Charaktere von Abenteuer zu Abenteuer entwickeln. Die Entwicklung der Charaktere ist in dieser Reihe nicht unmittelbar zu entnehmen, sie äußert sich vielmehr in den Verhaltensweisen und Entscheidungen, welche die Akteure auf Grund von bereits Erlebtem und Erfahrenem treffen. So erlebt man beispielsweise, wie aus einem mitläuferischen, unreflektierenden Schwertkämpfer ein verantwortungsbewusst handelnder Krieger wird. Um die Tiefe der Charaktere zu erkennen sollte man also bereit dazu sein, auch zwischen den Zeilen zu lesen!
Zur Philosophie Tobias O Meißners gehört es u.a. auch eine Idee niemals zu wiederholen und stilistisch abwechslungsreich zu schreiben, das vor allem für diesen auf zwölf Bänden geplanten Zyklus sehr wichtig ist, um keine Langeweile oder Vorhersagbarkeit im Leser auszulösen. Dies erreicht er im >>Mammut<<, indem er es - um nur ein Beispiel zu nennen - zu einem Fantasy-Crossover wagt: Der fünfte Teil ist im Grunde ein Krimi in der Fantasy-Welt des >>Mammuts<<.
Auch nach zehn gelesenen Meißner-Büchern werde ich immer wieder überrascht, was in seinen Büchern passiert, was nicht nur ein Beleg dafür ist, dass sich Grundideen niemals wiederholen, sondern das auch zeigt, dass der Autor zu wirklich allem fähig ist. Ins Herz geschlossene Akteure werden ermordet, der Hauptprotagonist nimmt in einem Buch nur eine Nebenrolle ein, oder Tobias O Meißner bringt es fertig, aus der Geschichte herausgewachsene Probleme, Herausforderungen und Aufgaben, die zusammengenommen ausgezeichnetes Material und Brisanz aufbringen können, um einen ganzen eigenen Roman damit zu füllen, binnen weniger Seiten derart darzulegen, dass dem Leser aus Verwirrung, Entsetzen oder Ärger einfach nur noch die Spucke weg bleibt.
Solch und weitere emotional mitreißende Momente schafft Meißner immer wieder, außerdem auch in Momenten, wenn ein jahrelanges vor sich Hindümpeln eines Protagonisten in den Leser projiziert wird, ohne dabei direkte Worte zu benutzen, oder wenn die um den Protagonisten befindliche Atmosphäre auf den Leser transportiert wird, wenn um einen selbst auf einmal alles in neblig, nasskühlem nebelweiß getaucht ist, durchsetzt von immer wieder vorbei fliegenden bunten paradiesischen Vögeln, um durch diese Bilder das Gefühl von Hoffnung und bevorstehender Freiheit zu bekommen.
Dieser erste Teil sollte meines Erachtens nicht als Repräsentant des gesamten Zyklus gesehen werden, denn hier werden die Tore in die Welt des >>Mammuts<< erst geöffnet. Ich selbst wurde erst nach dem zweiten Teil >>Die letzten Worte des Wolfs<< davon überzeugt, dass der Zyklus genau das ist, wonach ich so lange gesucht hatte: Eine innovative, intelligent-komplexe Fantasygeschichte eines deutschen Autors. Bis zum sechsten Teil wurde ich nicht enttäuscht!
Der Leser taucht ein in die Welt eines Kontinents, die von einer Königin regiert wird, die um die Macht zu wahren oder auszuweiten in alle erdenkliche Richtungen aktiv wird. So möchte sie zum Beispiel die Quellen der vier Elemente, Feuer, Wasser, Erde und Luft ausfindig machen, diese studieren oder gar ausbeuten lassen. Mächtige Krieger aus einer anderen Welt suchen magische Wesen auf dem Kontinenten auf, um aus deren Magie Energie für ihre eigene Welt zu beziehen, die Riesen - einst mächtig und damit beauftragt, Schattenwesen vom Kontinent zu befreien - sind nun ohne Magie und suchen sich in Sicherheit vor den Menschen, grauenhafte Wissenschaftler üben sich in folterhaften Experimenten, um mehr Wissen über die >>Grenzen des Schmerzes<< zu erlangen, kaltblütige Auftragskiller überwinden auf magische Art und Weise die Zeit, um Serienmorde sorgfältig zu planen, und Götter scheinen am Kontinent die Lust verloren zu haben, überlassen den Menschen, den Untergrund-, Schmetterlings-, Spinnen- und Affenmenschen sowie den Riesen ihr eigenes Schicksal. (Man mag diese genannten Völker auf den ersten Blick als Pendant zu bereits bekannten Völkern sehen, wie etwa Schmetterlingsmensch = Elf, aber diese unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht; sie sind z.B. im Gegensatz zu den Elfen friedsamer oder gar kurzlebiger als Menschen)
Diesen und noch höher gestellten Problemen stellt sich eine kleine Gruppe, die sich das Mammut nennt.
Dieses Projekt als >>Öko-Fantasy<< zu etikettieren kann auf den ersten Blick verwerfliche Wirkung haben. Wenn man den Begriff Ökologie aber genauer betrachtet und es als komplexes System begreift, welches nur durch eine nicht funktionierende Stellschraube zum Erliegen kommen kann, der wird erkennen, dass hinter dieser Bezeichnung mehr als nur eine Phrase steckt.
Tobias O Meißner selbst stellt als grundsätzliche Idee seines Projekts die Suche nach den Mammuts an:
>> In meinem Romanzyklus "IM ZEICHEN DES MAMMUTS" geht es um genau dies: Wie kann etwas Ausgestorbenes, etwas, das unwiederbringlich verloren und schon beinahe vergessen war, wieder in die Welt zurückgebracht werden? Selbstverständlich [...] mit Hilfe von Magie und ihren Rätseln. Was können einzelne Menschen oder eine Gruppe von Menschen tun, um [...] der Welt ein sagenhaftes Geschenk zu machen? Denn ist es nicht eigentlich das, wovon Fantasy-Literatur immer handeln sollte? Von der Möglichwerdung des Wunderbaren, dem Urbarmachen des Unvorstellbaren, dem besänftigenden Eindringen des Märchens in die unnachgiebigen Konturen der Realität?<< Zitatende.
Ein wichtiger Bestandteil dieser Reihe ist es, trotz der Fantasykleidung die Nähe zur Realität zu wahren.
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